Weihnachten Reloaded

Einer meiner schönsten Weihnachtsmomente an den ich mich erinnere, liegt interessanterweise nicht in meiner Kindheit. Ich muss so um die 20 Jahre alt gewesen sein. Es war Heilig Abend. Ich war gerade bei einer guten Freundin gewesen, der ich ein Geschenk gebracht hatte. Eigentlich war ich ja verliebt in sie, aber daraus ist, auch nach dem tollen Weihnachtsgeschenk, nie etwas geworden. (Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr daran erinnern, was ich ihr geschenkt habe – aber ich gehe einfach einmal davon aus, dass es toll war) (Oder vielleicht auch nicht, und deshalb wurde nie etwas daraus?) Ich saß im Auto und fuhr nach Hause. Wo der Baum schon geschmückt war, der Fisch kurz davor stand, verzehrfertig zu sein und die Geschenke bereits platziert waren.

In diesem Augenblick, es war auf der Südosttangente, wenig Verkehr, alles ruhig, ertönte aus dem Radio Chris Reas ‘Driving Home for Christmas’. Und ja, in meinem Gefühl wurde der Song ganz alleine für mich gespielt. Ich wusste, ich würde jetzt meine Familie sehen, danach noch enge Freunde. Die Menschen, die mir wichtig sind. Versuchen, ihnen Freude zu bereiten. Den, für mich, eigentlichen Sinn Weihnachtens erleben.

Kitschig, oder? Aber anderseits… dieser Gedanke glitzert nicht… er ist nicht in grellen Farben ausgestellt in einer Auslage… er schallt nicht mit Glöckchen unterlegt und von kleinen Kindern eingesprochen aus dem Radio oder den Kaufhauslautsprechern… es gibt ihn nicht im speziellen X-Mas-Sale um 70% günstiger… und er behauptet nicht, für irgendeine wohltätige Einrichtung zu sein und bereichert sich in Wahrheit selbst…!

Ich gehöre nicht zu denen, die sagen: Früher war alles besser, als wir noch Kinder waren, bla bla bla, das ist nämlich Schwachsinn und nur die Ausformulierung des inneren Wunsches, Teil etwas Besonderen zu sein, und wenn es nur die eigene Generation ist, in deren Jugendzeit doch alles viel besser war und man noch ‘draußen spielen konnte’.

Aber Weihnachten scheint doch, auch statistisch belegbar, für die Menschen zu verkommen. Verkommen zu einem fast schon ausschließlichen Stressfaktor. Zu einer reinen Instrumentalisierungwerkzeug der Konsum- und Unterhaltungsindustrie. Zu einer reinen Geschäftemacherei. Seit 2009 hat sich die Zahl der Personen, die Weihnachten ausschließlich wie eben beschrieben empfinden vervierfacht! 12% empfinden Weihnachten überhaupt nicht mehr als besinnlich und nur noch konsumorientiert.

Die Christkindlmärkte werden von Jahr zu Jahr teurer, der Punsch dafür jedes Jahr grauslicher, die Weihnachtsangebote in den Supermärkten beginnen gefühlt bereits im August, und der erste Wiehnachtssong im Radio läuft Ende Mai. Ein Fest der Nächstenliebe und der Besinnlichkeit wird auf dem Konsumaltar geopfert.

Wer ist Schuld daran? Die Konzerne? Die Geschäftstreibenden? Die Getränkestandbetreiber? Meine Lieblingsschuldigen, die Politiker?!

Nope, diesmal leider nicht. Diesmal landet der schuldsuchende Finger nach einem langen Kreis… bei uns selbst. Wir lassen es uns nehmen. Alleine schon wenn man sich die Geschenke ansieht. Das, mit Abstand, beliebteste Geschenk – Gutscheine. Dahinter stecken wohl kaum viele Gedanken (Außer vielleicht: ‘Da steckt das Wort Gut drinnen, kann also nicht schlecht sein’) Der Beschenkte wird aber dabei kaum das Gefühl haben, dass die andere Person sich Mühe gegeben hat, dieses Geschenk auszuwählen, sich wirklich Zeit genommen und Überlegungen angestellt hat, um ihm etwas Persönliches zu schenken. (Noch schlimmer, oft für Frauen: ‘Er hat mir einen Gutschein für AMC geschenkt, damit ich ihm was Besseres kochen kann!’)

Dabei ist es doch das wertvollste Geschenk, das wir heute zu geben haben: Zeit, Gedanken, Aufmerksamkeit. Das sind Dinge, die wir unseren Nächsten ohnehin regelmäßig und oft schenken sollten, doch gerade zu Weihnachten bietet es sich an, statt 100€ 100 Minuten in ein Geschenk zu investieren. (Klingt viel, sind aber nur genau so viele Minuten, wie irgendein schmalziger Hauptabendfilm im Fernsehen, wo man, statt selbst Zeit in ein Geschenk zu investieren, auf der Couch liegend Schauspielerin dabei zusieht, wie sie so tun, als ob sie für ihre Lieben tatsächlich etwas basteln und sich Zeit nehmen)

Punsch kann man sich auch daheim machen und dazu ein paar Freunde einladen, statt sich am Christkindlmarkt in den völlig verkitschten Standgassen zu treffen und 5€ für Pulverkonzentrat zu bezahlen.

Anstatt sich panisch zu machen, ob die Dekoration daheim perfekt ist und den ganzen Heiligen Abend im Stress zu verbringen, ob jedes Detail der erwarteten Inszenierung entspricht, (‘Schau, da liegen noch Zeitschriften, räum das weg!’ ‘Wie schaut denn die Couch aus, schau wie die Pölster da herumliegen!’ ‘Hab ich den Spiegel im Bad geputzt?!?’ ‘Am Telefonkasterl steht ein Telefon!!!’) wenn die Familie oder die Freunde kommen, könnte man einfach jedem Gast einen kleinen, persönlich geschriebenen Weihnachtswunsch auf den Teller legen, schön gefaltet, von Hand verfasst.

Was will ich damit sagen? Will ich sagen: Christkindlmärkte sind schlecht, gekaufte Geschenke böse und genau so wie oben beschrieben müsst ihr es machen? Nein. Aber die Zahlen belegen, dass die Menschen allmählich das Gefühl haben, Weihnachten zu verlieren – an den Konsum, an das Geld. Was ich sagen will: Wir haben es selbst in der Hand, wie unser Weihnachtsfest aussieht und was es für uns bedeutet.

Christkindlmärkte sind toll und können Spaß machen, genauso wie ein fein überlegtes, gekauftes Geschenk… aber wenn man das Gefühl bekommt, dass Weihnachten für einen nur noch die Bilanz davon ist, wieviel Geld noch für Punsch und wieviel noch für Geschenke übrig ist und man damit unzufrieden ist – dann ist es vielleicht an der Zeit, einen Schritt zurückzunehmen und sich zu überlegen:

Ist ein selbstgeschriebener Gutschein für einen gemeinsamen Ausflug oder eine gemeinsame Aktivität einem nahestehenden Menschen nicht zehn Mal mehr wert als ein 100€ Gutschein für jedes Lieblingsgeschäft?

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