Ist das Arbeitslosengeld zu hoch?

Nein.

Das war jetzt aber noch nicht die ganze Erklärung. Vorweg: Sollte es einem Arbeitnehmer in Österreich passieren, plötzlich ohne Anstellung dazustehen, so erhält er vom Staat 55% der Nettobezüge, die er in seinem letzten Arbeitsverhältnis erhielt. Von heute auf morgen muss man dann seinen Alltag mit der Hälfte seines Geldes bestreiten. Ich weiß ja nicht, ob Sie das schon mal erlebt haben, oder sich das ausgerechnet haben, aber – das ist eigentlich überhaupt kein Spaß. Die wenigsten von uns legen pro Monat knapp die Hälfte ihres Einkommens lachend beiseite und sagen “Was soll ich denn mit all der Kohle, das brauch ich doch gar nicht”, im Gegenteil, laut letzten Statistiken wird bei jungen Menschen unter 35 mehr als die Hälfte ihres Einkommens alleine für die Miete aufgewendet. Alleine für die Miete! Das heißt im Falle einer Arbeitslosigkeit können sie gerade noch wohnen, aber nicht mehr heizen, duschen, essen oder trinken. Von heute auf morgen.

Fairerweise gilt das nur für eine gewisse Gruppe. Denn, wenn man von Anfang an sehr wenig hat, eignet man sich einen anderen Lebensstandard an. Auch die soziale Herkunft spielt da eine Rolle. Bei manchem Menschen wird das zielgenaue Einhalten und Umgehen von sozialen Förderungsgrenzen quasi als Familientradition weitergereicht, während Lebenspartner nicht angemeldet, angegeben und in der Wohnung gemeldet werden, nur damit man diesen und jenen Zuschuss nicht verliert. Das nennt man, zurecht, systematisches Ausnützen, und damit natürlich auch letzten Endes Vernichten, des Sozialstaats, oder, etwas umgangssprachlicher, das Ausruhen in der sozialen Hängematte.

Aber wenn man auf diese Hängematte tatsächlich angewiesen ist, ohne sie auszunützen, dann ist sie so gemütlich gar nicht. Schon mal in einer Hängematte geschlafen? Das geht auf’s Kreuz. Die soziale Hängematte geht halt auf Lebensqualität und -standards (sofern nicht llegal über Schwarzarbeit massiv zuverdient wird). Keine Urlaube, kaum Restaurant- oder Lokalbesuche, kein Geld für ausreichend Obst und Gemüse sowie gesundes Fleisch, größere Anschaffungen wie eine Waschmaschine oder ein Kühlschrank können existenzgefährdend werden. Klingt nicht gemütlich.

“Ja, schön und gut, aber ich arbeite 40 Stunden die Woche und kann mir das alles auch nicht leisten, weil ich kaum mehr als 1.200 netto im Monat verdiene! Was soll das also?!” Genau das ist das Problem. Nicht das Arbeitslosengeld ist zu hoch, sondern die Gehälter sind zu niedrig. Dafür verantwortlich sind mehrere Faktoren.

Einerseits die teilweise exorbitante Inflation, die in den letzten Jahren oftmals zwischen 2% und 4% betragen hat, wobei diese Werte zum Teil absolut realitätsfern berechnet werden, da Lebensmittel um bis zu 30% teurer wurden, welche man sich täglich kaufen muss, was aber in der Statistik wiederum aufgehoben wurde durch Elektronikartikel wie Fernseher und Latops die billiger wurden, die man sich aber auch nur, wenn überhaupt, alle 3-10 Jahre kauft. Die reale Inflation an täglichen Gütern, Lebensmittel, Treibstoff, Mieten ist dramatisch höher und steht in keinerlei Verhältnis zu der Lohnentwicklung der letzten Jahre, wobei hier das Wort Entwicklung angesichts jahrelang stillstehender Gehälter eine Verhöhnung ist. Nach aktuellen Umfragen können kaum noch Österreicher größere Sparanlagen tätigen und müssen sich auch immer öfter Geld aus privaten oder institutionalisierten Quellen ausleihen, um einen gewissen Lebensstandard aufrecht zu erhalten.

Zweitens schrumpft die Welt durch die Globalisierung immer weiter zusammen. Inzwischen wird mit quasi allen Ländern der Erde, bald auch mit dem Iran, rege Handel betrieben, was natürlich zu einem massiven Preisdumping einiger Produktsparten führt, sodass Firmen sich einem enormen Druck ausgesetzt sehen, die Lohnkosten niedrig zu halten, um konkurrenzfähig zu bleiben und jedes Jahr die Gewinne zu steigern, um die vom Konzern vorgegebenen Quoten zu erfüllen. Ein Symptom des Ultrakapitalismus, dem die Welt seit einigen Jahrhunderten unterliegt: Ständiges Wachstum, egal wie. Ein durch zehn Sekunden Nachdenke ad absurdum zu führendes Prinzip, aber nichtsdestotrotz Realität. Nebenbei gilt es zu erwähnen, dass gerade in Österreich die Lohnkosten ein beliebtes Einsparungspotenzial bei den Geschäftsführungen der heimischen Wirtschaft darstellen, weil die zugehörigen Lohnnebenkosten exorbitant hoch sind. Drittens ist die Ostöffnung des Arbeitsmarktes, ganz akut im Burgenland, aber auch in Wien oder NIederösterreich, in den letzten Jahren zu einem immer größeren Problem geworden. Teilweise exzessives Lohndumping durch Arbeitskräfte aus Ungarn, der Slowakei, Tschechien oder Rumänien sorgen dafür, dass eine Lohnerhöhung nicht von Nöten ist, denn – es wird immer jemand gefunden, der auch für weniger arbeitet.

Die Schuld an diesen und natürlich vielen anderen, kleinen Umstände, ist, wie so oft, bei unserer Regierung zu suchen. All diese Probleme, die ja nicht plötzlich auftauchten, wurden ignoriert, keine dringend notwendigen Gegenmaßnahmen eingeleitet und keine sinnvollen Lenkungseffekte in Bewegung gesetzt. Wovon spreche ich?

Österreich benimmt sich so, als würde es noch in der MItte des 18. Jahrhunderts leben. Wir versuchen händeringend Landwirtschafts- und Industriezweige in unserem Land zu erhalten, die bei uns keine Zukunft haben. Das kostet uns massive Förderungsgelder, die eine eigentlich katastrophal defizitäre Bilanz vertuschen sollen, für Wirtschaftssparten, die sich bei uns in dieser Form nie wieder rentieren können. Das ist langsam aber sicher unser Untergang.

Warum kassieren bei uns im Supermarkt noch immer Menschen die Produkte und fordern das Geld dafür von uns ein? Warum machen das nicht schon längst Maschinen? Und warum ist Österreich nicht die führende Forschungs- und Entwicklungsnation im Bereich der Automatisierung und Mechanisierung physischer Vorgänge in der Arbeitswelt, die eben genau diese Maschinen entwickelt, produziert und in die gesamte Welt exportiert?

Wenn Sie jetzt schreien: “Dann haben wir ja noch mehr Arbeitslose!!”, dann haben Sie noch nicht verstanden, worauf ich hinaus will. Statt obsolete, überholte Wirtschaftszweige, Produktionswege oder Dienstleistungssparten wie einen Hirntoten am Leben zu erhalten, sollten wir die Trends der Zukunft erkennen und rasch reagieren, indem wir neue Arbeitsplätze in neuen, bisher noch nicht dagewesenenen Wirtschafts- und Entwicklungssparten schaffen und dafür das richtige ökonomische und marktwirtschaftliche Umfeld erzeugen.

Warum versuchen wir noch krampfhaft junge Menschen in Lehren für Jobs zu locken, die ihnen nach ein paar Jahren eine billigere Arbeitskraft aus dem Osten einfach und ohne Probleme abnehmen kann? Warum fokussieren wir uns nicht viel eher darauf, die junge Generation in hochspezialisierte Ausbildungen zu führen, die ihnen so schnell niemand kaum bis gar nicht Ausgebildeter abknöpfen kann? Für die Ernte braucht man zwei Hände und jede Menge Muskelschmalz. Für die Planung, Entwicklung, Konzeptionierung, Programmierung und Produktion einer hochtechnisierten Erntemaschine braucht man ein enorm komplexes, diffiziles und breit aufgestelltes Skillset, dass sich in den Entwicklungsländern so leicht keiner aneignen kann. Der Weg der Maschinisierung ist eine Realität, ob einem das gefällt oder nicht. Genauso aber der Weg der alternativen Energieproduktion und -verwertung, der Erforschung und Erzeugung funktioneller Materialien, sowie komplexer Softwarelösungen und -konzepten.

Wir sind, noch, ein äußerst wohlhabendes Land mit einem der höchsten Lebensstandards der Welt. Wenn wir diesen halten wollen, dann müssen wir, ich entschuldige mich für diese Phrasendrescherei, aber es passt so gut, dann müssen wir mit der Zeit gehen, oder wir werden mit der Zeit gegangen.

Statt Lehrlinge zu bezahlen und von Studenten auch noch Geld dafür zu fordern, wenn sie sich weiterbilden, sollte es ebenso eine Studienaufwandsentschädigung geben, die in späteren Jahren von dem erfolgreichen Softwareentwickler, dem Nanotechniker oder dem Mechatronic-Ingenieur an den Staat zurückgezahlt werden kann, um auch der nächsten Generation zinsenfreie Studienkredite geben zu können. Wo ist das Anreizsystem für anerkannte Wissenschafter, ihre Forschnung hier bei uns zu betreiben? Wo das Standortattraktivitätsprogramm, dass Technologie- und Softwarekonzerne zu uns holt, sodass in Österreich eine Infrastruktur der Zukunft entsteht, damit auch für die nächsten 200 Jahre unser Wirtschaftsstandort, unser Sozialstaat und unsere Lebensqualität gesichrt wird? Sie versickern ungesehen und ungehört in dem Sumpf unserer Stillstands- und Machterhaltungskorruption unserer etablierten politischen Systemerhalter.

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