Das Undenkbare ist geschehen

Montag, der 12.Oktober 2015.
Bei vielen herrscht eine Stimmung, wie nach einer durchzechten Nacht.
Was war eigentlich genau gestern? Ist das wirklich passiert?! Ein flaues Gefühl im Magen. Dieser Abend wird mich noch kosten…

Andere jubeln. Sie haben es allen gezeigt. Schluss mit dem was war! Veränderung! Aufbruchstimmung! Jetzt räumen wir auf!

Wieder andere sind noch durchfroren von der Nacht, die sie schreiend, randalierend und verwüstend auf der Straße verbracht haben. In der Innenstadt. Hinter’m Rathaus. Beim FPÖ-Parteizelt. Die ganze Nacht haben sie demonstriert. Gegen rechts. Gegen die Nazis. Gegen Extremismus. Bilanz: Zig Verhaftungen, einige Leichtverletzte. Sachschäden im fünfstelligen Bereich.

Die Moderatoren und Redakteure des Landes beschwören den so oft zitierten Rechtsruck, die Kolumnisten sehen einen Sieg der Rechtsextremisten, der Neonazis, der Rechtsfaschisten und spucken Gift und Galle auf die Titelblätter der Nation.

Die Experten ereifern sich in Analysen und Erklärungen, vermuten, dass Protest die größte Wahlmotivation sei, dicht gefolgt von Unsicherheit im Bezug auf die nach Europa drängenden Flüchtlinge und die seit Monaten anhaltende Schockstarre aller politischen Instanzen. Viele sehen auch den ‘Feelgood-Passtscho-Oisleiwand’-Wahlkampf eines komplett abgehobenen und bürgerfernen Michael Häupls in der Verantwortung, der statt die Ängste und Sorgen seiner Bürger ernst zu nehmen, sie lieber abwinkte mit den Worten ‘Gibt ka Problem in Wien’, oder jene indirekt als anstandslose Rechtsopportunisten beschimpfte, die auch nur überlegten zur FPÖ überzulaufen, statt zu versuchen, sie aufzufangen. Ein Sieg der Arroganz, nur eben für die anderen.

Ein im doppelten Sinne verkaterter Ex-Bürgermeister betreibt noch Realitätsverweigerung und spricht davon, dass Strache jetzt erst einmal eine Mehrheit finden müsse und appelliert an Manfred Juracka, nicht der Steigbügelhalter für die Unmenschlichkeit zu sein.
Der hingegen betont, für alle Gespräche offen zu sein, während die Grünen und die NEOS das Ende allen Seins beklagen und an stillen Protestkundgebungen und -märschen teilnehmen oder jene initiieren.

Strache? Der ist heiser vom Jubelschreien auf der Wahlparty gestern Nacht, kündigt aber dennoch an, mehr oder weniger als Verhöhnung des Gegners, gerne auch mit der SPÖ Koalitionsgespräche zu führen. Im Fußball gäbe es dafür Gelb.
Weiters verspricht er den Wienern jetzt echte Veränderung, mehr soziale Wärme für die Wiener und Wienerinnen, mehr Geld für die eigenen Leut’, wesentlich strengere Spielregeln für Zuwanderer, Migranten und Asylanten und die Streichung aller Zuckerln für jene, die nur für ebendiese gekommen wären.
Na genau, endlich amoi, dass wieda ana fia uns do is und ned ollaweu fia de aundan, de wos do heakumman!, lautet der breite Konsens innerhalb der Kern- und teilweise auch innerhalb der Wechselwählerschaft.

Einige Freunde und Bekannte erörtern auf alle erdenklichen Arten und Weisen auf Facebook, dass und wie sehr sie kotzen könnten, beschimpfen ein Drittel ihrer Mitbürger als rechte Nazischweine und schwafeln melodramatisch davon auszuwandern, weil sie in so einer Stadt nicht mehr leben können.
Andere Freunde und Bekannte feiern das Ende der roten, durch weitreichendste Korruption und biblische Bürokratie angetriebenen Geldvernichtungsmaschinerie und reden davon, dass “er” jetzt einmal zeigen solle, was er könne.

Wenig überrascht lese ich die neuesten Berichte, Analysen und Kommentare, sowie Postings und Diskussionen während ich mein Müsli löffle. Mein Puls ist ruhig, meine Gedanken fast teilnahmslos, meine Augen müde. Ja, für enormen Weit-, Über- oder Durchblick der Wähler steht dieses Wahlergebnis jetzt zwar nicht unbedingt… doch in mir steigt keine Panik auf, keine Angst, kein Hass, kein Ekel oder keine Verzweiflung.
Warum?
-Weil ich die FPÖ als das sehe, was sie größtenteils ist: Eine rechtspopulistische Nationalistenpartei. Punkt.
-Weil ich ihre Wähler als das sehe, was sie allergrößtenteils sind: Verärgerte Protestwähler, die mit einigen Entwicklungen und Situationen in ihrem Land überfordert sind und von niemandem ernst genommen, sondern im Gegenteil noch von fast allen beschimpft werden für ihre Sorgen und Ängste. Also wenden sie sich an jenen, der das nicht tut. Sondern der ihre Verunsicherungen in simplen Botschaften zusammenfasst und für sie schreit. Für sie, die sie sich ungehört fühlen. Punkt.
-Weil ich die Situation so betrachte, wie sie ist: Es wird sich kaum etwas verändern. Viele von Straches Themen sind Bundessache, also kann er sie nicht umsetzen. Viele seiner Forderungen verstoßen gegen Bundes-, Verfassungs- oder/und EU-Recht, also kann er sie nicht verwirklichen. Und jene Versprechen, die er halten kann, kosten eine Unmenge an Geld, dass er entweder über neue Schulden finanzieren oder über schmerzhafte Einsparungen wieder einnehmen muss. Beides wird seinen Wählern missfallen.
Und nach 2 Jahren wird er Wien im Stich lassen, um sich ins Kanzlerrennen zu werfen, wird dort erste Kraft werden und dann eine Blau-Schwarze Koalition anführen, die, wie das letzte Mal, vor Inkompetenz nur so strotzen wird. Die Bundeshauptstadt wird er dem vom Zweizeiler-lesen überforderten Johann Gudenus überlassen, der in jedem seiner Worte eine perfekte Anti-FPÖ-Kampagne darstellt, während Strache selbst das Land in die wirtschaftliche, ökonomische, budgetäre und bilaterale Misere reitet, sodass bei den jeweiligen folgenden Wahlen sich jeder nur noch die Frage stellt, wie diese Antikompetenzler jemals soweit kommen konnten.
Die meisten wechseln wieder in ihre alten politischen Lager zurück, Österreich bekommt wieder ein rot-schwarzes Wachsfigurenkabinett einer Stillstandskoalition und wir jammern wieder brav über ‘de do omat, de si eh ois so richten, wia’s as brauchn und auf uns Klanan scheißn.’
Also, lassen wir die Kirche im Dorf und bleiben wir ruhig. Dieser Wahlausgang war unvermeidlich, dafür haben Straches eifrigste Wahlhelfer Häupl, Vassilakou, Faymann, Mitterlehner und Co mit aller Kraft gesorgt. Wenn man wen anschreien und auf jemanden wütend sein will, dann auf sie.

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