Wann ist Weihnachten endlich vorbei

Ich sitze gerade auf einer großen Wiener Einkaufsstraße, gegenüber von ein paar kleinen, ungeschmückten Christbäumen, die alle auf ein neues zu Hause warten. Hinter mir ein Christkindlmarkt mit einem Langosstand, einem Punschstand, einem Stand mit selbstgebastelten Schmuck und noch einigen mehr, die ich von hier aus nicht erkenne. Über der Straße hängt Weihnachtsschmuck, die Schaufenster sind dekoriert, vielerorts brennen kleine Lichtlein und Lämpchen.
Ich bin schon so froh, wenn’s vorbei ist, hör ich oft. Mah, der ganze Stress und dann diese Tortur mit den Familienweihnachtsfeiern, bah, ich hasse es, höre ich noch viel öfter. Und man waß ja eh ned, was ma schenken soll, immer irgendan unnedigen Schas, das höre ich am häufigsten.
Manchmal frage ich mich, wie viele von denen, die so reden, schon mal auf der Trauerfeier eines nahen Verwandten saßen, den sie gerade beigesetzt hatten, und sich mit allen anderen Verwandten schworen, es nicht mehr so lange werden zu lassen, bis man sich wiedersehe.
Manchmal frage ich mich, welche Abundanz an Zeit und Jahren diese Menschen haben müssen, dass ihnen eine Zeit des Zusammenkommens, der Geselligkeit und des Familienfestes nur noch als lästige Pflicht erscheint, die hoffentlich endlich vorüber sei.
Und manchmal frage ich mich, was diese Menschen wohl sonst für unglaublich aufregende, spannende und erfüllende Leben haben müssen, dass ihnen ein wunderbar gedeckter Festtagstisch mit der Familie und mit Freunden als Zeitverschwendung und Mühseligkeit erscheint.
Meistens jedoch beantworte ich all diese Fragen mit nur einer Antwort, nämlich dass diese Menschen ignorant sind. Ignorant gegenüber der Vergänglichkeit der Jugend, der Zeit und des Lebens, ignorant gegenüber der Willkür des Schicksals, die es möglich macht, dass einige von uns, die diesen Text lesen, oder einige, die mit uns heuer am Weihnachtstisch sitzen, vielleicht schon nächstes Weihnachten nicht mehr da sind. Ignorant gegenüber dem Geschenk, Familie und Freunde zu haben, die man treffen und mit denen man feiern kann. Ignorant gegenüber dem unsagbaren Glück, in einem Land zu leben, in dem man das Geld hat, den Festtagstisch so reich zu decken, dass sich kurz darauf alle ihren Bauch halten und atemringend zu den, trotz dezidierter Nichtaufforderung aufgetischter, Vanillekipferl greifen.
Vor allem aber die Frage nach einem passenden Geschenk finde ich nicht nur irritierend, sondern sogar absurd und meistens auch traurig.
Nein, man kann dieser und jener Person nichts Nützliches schenken, weil sie sich alles selbst kauft. Nein, ein hin- und herschieben von geldgefüllten Kuverts ist wirklich nicht sehr zielführend.
Aber was ist das vielleicht wertvollste Geschenk, das man heutzutage einander machen kann? Das, wovon wir am wenigsten zu haben glauben, doch am meisten geben können, wenn wir nur wollen?
Zeit.
Glauben Sie nicht, dass sich eine beschenkte Person am meisten freut über einen Gutschein für einen gemeinsamen Nachmittag? Vielleicht auf einer Messe, die den anderen interessieren könnte? Oder in einer Ausstellung? Einen Abend im Theater oder im Kabarett? Oder einfach nur eine Einladung zu einem selbstgekochten Abendessen?
Ist es nicht das, wovon wir uns doch eigentlich viel mehr wünschen? Viel mehr, als Gutscheine für den Douglas oder Benzin oder den WMF-Shop?
Ich habe oft schon gelesen, dass Menschen am Ende ihres Lebens bedauern, nicht mehr Zeit mit ihren Freunden und ihrer Familie verbracht zu haben. Noch nie habe ich gelesen, dass jemand darum trauert, nicht zwei Parfums und drei Töpfe mehr besessen zu haben.
Wir können nicht jeden Tag leben, als wäre es unser letzter, aber wir können vielleicht die großen Feste so feiern, als wäre es das letzte Mal. Denn wenn Sie sich das während der Familienfeier einmal wirklich durch den Kopf gehen lassen, ganz bewusst, dass Sie diese Familie, diese Freunde, all diese Menschen, wirklich zum letzten Mal so fröhlich, unbeschwert und heiter zusammen an einem Tisch haben, glauben Sie mir, dann werden Sie nicht um 15 Uhr darauf drängen endlich gehen zu können. Sie werden diese Feier genießen und selbst um 21 Uhr noch fröhlich zur Weihnachtsbäckerei greifen.

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