Mensch Sucht Smartphone?

Smombie, ein neues Wort für einen Smartphone-Zombie. Blick stets gesenkt, nimmt nicht mehr am sozialen Leben teil, glotzt nur auf sein Smartphone. Ganz oft wird hier auch von Sucht gesprochen, doch ist man wirklich selbst smartphonesüchtig?

Fachlich beschrieben: “Abhängigkeit (ugs.: Sucht) […] beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.”
Nun gut, also wenn man gerade auf den sozialen Charakter eingeht, dann dürfte das heute ja bei einigen sehr rasch erreicht sein. Oder?

Es gibt inzwischen sehr viele Analysen und Studien dazu, wie das Smartphone einen Menschen süchtig machen kann. Das Ertönen des Nachrichtensignals oder das Erblicken von neuen Nachrichten oder Push-Benachrichtigungen, die indizieren, dass interagiert wurde, lösen im Gehirn teilweise gleiche Belohnungsmechanismen aus wie gewisse Drogen.
Eine längere Unzugänglichkeit zum eigenen Smartphone wird als unangenehm empfunden, teilweise als unerträglich. Eine weitere Analogie zu Süchtigen, wie zum Beispiel Rauchern.

Doch dieser Übergang ist schleichend. Wie kann man erkennen, dass man süchtig ist?
Es gibt da einige einfach zu beobachtende Merkmale, die gerne vermischt werden, wobei die einen unbedenklich sind, die anderen allerdings die Alarmglocken schrillen lassen sollten.

Besonders gerne werden populistisch jene Menschen kritisiert, die in der Ubahn oder am Bahnsteig stehen und “deppat ins Kastl schauen…”. “Die kennan jo goa nimmer reden mit irgendwem!!!”, wird dann noch oft hinterhergeworfen.
Sollten Sie auch zu den Menschen gehören, die in diesen Leerzeiten wie öffentlichen Wegen oder Zuständen des Wartens “deppat ins Kanstl schauen”, keine Sorge. Sie haben bei weitem noch kein Problem, sondern nutzen ihre Zeit effektiv, um soziale Kontakte zu pflegen, Nachrichten zu lesen oder sich einfach unterhalten zu lassen, über Videos, Musik oder Spiele.
Denn was jene Suderanten gerne vergessen: Diese Kastln sind keine flachen Taschenlampen, die uns weißes Licht ins Gesicht strahlen – es sind Geräte, die uns Zugang zum größten Wissens-, News- und Unterhaltungsspeicher der Welt ermöglichen.
Nebenbei, was wäre denn die Alternative? Geistlos auf die gegenüberliegende Stationswand zu starren? Oder seine Mitfahrenden mit Blicken zu stalken? Wer beginnt denn mit Wildfremden in der Ubahn ein Gespräch?! Eben…
Oh, und weil es auch immer wieder als Argument kommt “fria homma des ois ned ghobt, do hot ned jeda deppat owegschaut, do hom die Leit no gredt mitanaund!”
smartphone-or-newspaper

Wo das Argument dann aber schon greift ist der Punkt, wenn man das digitale soziale Netzwerk dem realen vorzieht.
Mir fällt es teilweise selbst häufig auf, dass inzwischen an Abenden mit Freunden, wenn gerade gesprochen, sich unterhalten, ein netter Abend verbracht wird, einige, teilweise mitten in der Erzählung eines anderen, ihr Smartphone herausnehmen, ohne Anlass, ohne Nachrichtensignal, ohne Vibrationsalarm, und nachsehen, ob nicht doch irgendeine Nachricht gekommen ist, oder die, und das ist dann die Spitze, einfach während ein anderer spricht, Facebook checken. Und damit meine ich, dass sie ihren Newsfeed entlang scrollen.
Das finde ich äußerst bedenklich. Abgesehen davon, dass es an Unhöflichkeit nicht zu überbieten ist, wenn man absolut plakativ ein anderes Informationsmedium wählt, als einem Freund zuzuhören, ist es auch eine Frage der Gehirnleistung zur Aufmerksamkeitsspanne. Ist die Geschichte des Freundes wirklich so uninteressant oder habe ich einfach nicht mehr die Fähigkeit, einer normal erzählten Geschichte durchgehend zu folgen?

Tatsächlich wird von Wissenschaftern Alarm geschlagen, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne durch die elektronischen Medien abnimmt.
Gleichzeitig sinkt auch die Wertschätzung realer, menschlicher Interaktionen. Denn selbst wenn(!) ich eine Nachricht bekomme, warum sollte die denn so viel wichtiger sein, als das Gespräch mit meinem Gegenüber? Ist sie das wirklich? Kann sie das überhaupt sein?!
Das ist gar nicht mehr die Frage. Für viele ist es selbstverständlich geworden, ihren Gesprächspartnern nicht mehr aufmerksam zuuzhören sondern gleichzeitig aus WhatsApp zu chatten, Mails zu lesen, zu beantworten oder eben sogar einfach nur Facebook abzuscrollen. Eine äußerst dramatische, bedenkliche und vor allem auch weit verbreitete Entwicklung.

Ich merke es immer wieder in einem Pubquiz, dass ich alle zwei Wochen veranstalte. Dort verlangen wir von den Mitspielern ihre Smartphones, mit dem Display nach unten, in der Mitte des Tisches abzulegen, sodass es ein faires Quiz bleibt.
Bei gar nicht einmal so wenigen Teilnehmern löst diese Aufforderung große Aufregung aus. “Was?! Das Smartphone dürfen wir nicht benutzen?! Wie lange dauert denn das?!” Wir sprechen hier von etwas unter 2 Stunden. “Pfff, na Oida, geh bitte…!”
Eine ähnliche Reaktion gibt es auf das im Lokal herrschende Rauchverbot. Niemand möchte während des Quiz rausgehen um zu Rauchen, da sonst eine Frage verpasst werden würde. Die ersten Male allerdings haben wir nicht an eine Rauchpause in der Hälfte des Quiz gedacht – die Beschwerden wurden laut, die Leute waren unzufrieden, unruhig, es war für sie unerträglich. Ähnlich wie es ihnen geht, wenn sie das Smartphone nicht benutzen dürfen. Für 2 Stunden!
Sobald ich die Fragebogen absammle, greifen geschätze 80% panisch zu ihrem Smartphone und sehen so aus, als würde ein Mensch nach 4 Tagen in der Wüste zum ersten Mal Wasser zu sich nehmen. Man kann ihnen die Erleichterung, die Befriedigung ansehen, die sie alleine dadurch verspüren, das Gerät wieder in Händen zu halten und in die damit verbundenen Netzwerke einzutauchen.

Ein kleines Problem ist natürlich dabei auch die Erwartungshaltung unserer elektronischen Kommunikationspartner. Vor allem, aber nicht nur, Arbeitgeber gehen heute sehr oft ganz selbstverständlich davon aus, dass man ständig und immer erreichbar zu sein hat. Das wird oft gar nicht mehr hinterfragt. “Warum hast du gestern nicht abgehoben?!”
Weil’s acht am Abend war!!! wäre die richtige Antwort. Oder auch weil ich einfach keinen Bock hatte!, aber das gibt es heute nicht mehr. In der Arbeit, wie privat, wird sehr oft erwartet, dass man abhebt oder auch in kürzester Zeit zurückschreibt auf Nachrichten. Dieser äußere Druck ist natürlich nicht sehr förderlich für unsere elektronische Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit. Zu den Analogien zu suchtgefährdenden Substanzen kommt auch noch diese gleichzeitige teilweise Notwendigkeit der Nutzung hinzu.

Hinzu kommt sogar noch der Umstand, dass diese absolute Unart, diese bodenlose Frechheit einem Gesprächspartner einfach mitten im Wort demonstrativ zu zeigen, dass er und seine Geschichte einem eigentlich scheißegal sind, in dem man das Smartphone checkt, absolut sozial anerkannt ist.
Viele versuchen noch den Anblick eines Anstands zu wahren, indem sie, Blick gesenkt, kompletter Fokus auf das Smartphone gerichtet, noch ein “Mhm” dazwischen herausgrunzen oder sagen “Wart, ich muss nur kurz…”.
Die Antwort lautet oft: “Klar, bitte…”, wobei sie eigentlich lauten sollte: “Passt schon, ich gehe derweil. Sobald es dir auffällt, dass ich weg bin, kannst du mich ja auf WhatsApp fragen, wo ich hin bin.”

Smartphones sind ein unfassbar nützliches Tool, sie sind perfekt, um sich Leerzeiten zu vertreiben und ja, da nutze ich es selbst äußerst intensiv, da mir das Leben zu kurz ist, um auf den Hinterkopf des vor mir sitzenden Passagiers der Ubahn oder an die vorbeiziehende schwarze Wand des Tunnels zu starren, genau so wie ich beim Training im Fitnesscenter in den Satzpausen quasi ständig auf mein Smartphone starre, da ich es als verschwendete Zeit empfinde, jedesmal 1-2 Minuten in die Luft zu schauen bis zum nächsten Trainingssatz.
Doch Smartphones bergen offenbar auch die große Gefahr, tatsächlich Sucht auszulösen. Denn wenn ich nicht mehr durchgehend 2 , 3 oder 4 Stunden ein angeregtes Gespräch führen kann, ohne ständig mein Kommunikationsmittel zu checken, oder wenn es mir sogar schon schwer fällt einer längeren Geschichte auch nur für ein paar Minuten zu folgen, ohne dass ich den Facebook-Newsfeed entlangscrolle, um nach einem neuen fix zu suchen, nach einem neuen High, dann habe ich ein Problem.
Nicht nur, dass ich ein absolutes Arschloch gegenüber meinen Freunden bin… sondern dass ich es gar nicht mehr mitbekomme, denn sonst würde ich es ja, hoffentlich, nicht tun.
Und ja, teilweise ertappe ich mich selbst bei ähnlichem Verhalten. Man muss höllisch aufpassen. In dieses Verhalten verfällt man schneller, als man denkt… und die Frage ist, ob man es auch leicht wieder los wird.

Na, selbst auch stellenweise erkannt? Achten Sie mal auf ihr eigenes Verhalten. Vielleicht ertappen Sie sich selbst bei einigen der beschriebenen, bedenklichen Verhaltensweisen.
Ein kleiner Selbsttest ab und zu, in dem man sein Smartphone mal für einen Tag zu Hause lässt oder es zumindest während eines Abends mit Freunden deaktiviert, kann wirklich niemandem schaden.
Sollte man bei solchen einfachen Tests ein absolutes Unwohlsein bemerken, den Zustand fast als unerträglich empfinden, dann hat man ein ernsthaftes Problem. Denn eine derartige Abhängigkeit… “beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.”

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