Alternativen zum Krieg gegen den IS

Der gestrige Beitrag hier sorgte, naturgemäß, für Diskussionen. In gewisser Weise wurde mir unterstellt, ich wäre gerade zu gierig auf den Krieg und würde öffentlich euphorische Kriegshetze betreiben.
Es gäbe noch so viele Alternativen, die man vorher ausschlachten könne, war ein großer Konsens unter den kritischen Stimmen. Gut, dann will ich die mir gerne, offen und neutral, ansehen.

Den IS finanziell ausbluten

Man müsste dem IS erstmal die Geldhähne abdrehen und kein Öl mehr von ihm kaufen und auch keine Waffen mehr an ihn liefern. So ungefähr war eines der mehrfach gefallenen Argumente.
Der IS hat, für ein Terrorregime wenig überraschend, den größten Teil seines Geldes durch Enteignung, Erpressung und Beschlagnahmung erhalten. Durch die Raumgewinne in Syrien und dem Irak hat der IS natürlich auch Ölfelder und Raffinerien in seinen Besitz gebracht. Verkaufen kann er das aber nur illegal an jene Schmuggler, die bereit sind, die Gefahr auf sich zu nehmen, dass ihre Transporte von der Anti-IS-Koalition zerbombt werden. Ja, wie in jeder ersten Angriffswelle auf eine fremde Macht, versucht die von den USA angeführte Kampfkoalition gegen den IS seine Infrastruktur zu schwächen. Und das sind bisher die größten Erfolge gegen das IS-Regime, auch finanziell.
Ein weiterer Hauptabnehmer des Öls ist, spannenderweise, Syriens Regime unter Assad. Warum? Die Gebietsverluste an IS und Rebellen zwingen das Regime dazu.
Der restlichen Welt kann der IS weder Öl, noch sonst etwas verkaufen. Alle Handelswege, die der IS betreibt, finden in der Illegalität statt.

Der IS kann teilweise sogar den Finanzmarkt für sich nutzen, etwas, das natürlich bereits intensivst versucht wird zu verhindern, aber leider nicht gelingt, da der Finanzdschungel einfach zu undurchsichtig und die etablierten Kanäle zu vielschichtig sind.

Des weiteren hat der IS in seinem kontrollierten Territorium eine relativ moderne Bürokratie aufgebaut, in der natürlich Steuern von den Bürgern eingehoben werden. Es gibt öffentliche Spitäler und sogar eine Impfkampagne (Unfassbar, sogar der IS ist pro-Impfen, aber was uns das über Impfgegner sagt, ist wieder eine andere Geschichte.) Zusätzlich hebt natürlich auch der IS fleißgi die Zakat ein, die für muslime verpflichtende Abgabe eines Teil ihres Geldes für Bedürftige, in dem Fall leider Terroristen.

Außerdem, ebenfalls wenig überraschend für ein Terrorregime, verdient der IS relativ gut an Menschenhandel, Menschenschmuggel, Schmuggel, Diebstahl, Erpressung, Annexion, Beschlagnahme und Enteignungen der eigenen Bevölkerung.

Keine Waffen mehr an den IS liefern

Woher bezieht der IS seine Waffen? Den größten Teil seines Waffenarsenals bezog der IS aus zurückgelassenen Waffenlagern von geflohenen irakischen Sicherheitskräften, die ja großzügig ausgestattet waren.
Abgesehen davon beteiligt sich der IS natürlich aufgrund seiner vorhandenen illegalen Kanäle an eben selbigen. Offizielle Waffenlieferungen gibt es keine, schon gar nicht welche, die der Westen direkt kontrollieren könnte.

Konten des IS einfrieren

Wir könnten die Gelder des IS einfrieren und sie damit finanziell schädigen. Prinzipiell versuchen wir nichts anderes, als den IS, auch finanziell, zu schädigen, allerdings offizielle Konten, die man einfrieren könnte, dürften wohl kaum aufzufinden sein.
Wie in allen Berichten einstimmig geschildert, läuft der wirklich allergrößte Teil der Geldmaschinerie des IS in der Illegalität ab, was natürlich bereits jetzt schon ein großes Problem für das Kalifat darstellt, da es quasi keine offiziellen Handelspartner findet.

Krieg in Syrien nicht so einfach, man würde nur ein Übel gegen ein anderes tauschen

Ein sehr gutes Argument ist, dass ein Eintritt in den Drei-Parteien-Konflikt in Syrien alles andere als einfach ist. (was aber auch nie jemand behauptet hat.)
Auf der einen Seite steht das Regime von Assad, das von Russland und China unterstützt wird. Putin hat ja noch bis vor kurzem sogar für Assad die Rebellen in Syrien bombardiert.
Auf der anderen Seite stehen die Rebellen, die seit dem arabischen Frühling für die Unabhängigkeit von Assad kämpfen. Genau wie in fast allen anderen Länder jener Frühlingsrevolution gibt es aber auch unter diesen Rebellen bereits heftige, teils gefährliche religiöse Gruppen, die den Machtanspruch für die Zeit nach Assad stellen. Es gilt zu befürchten, dass bei einem Sieg der Rebellen auch in Syrien, wie im restlichen arabischen Raum, auf den arabischen Frühling ein islamistischer Hochsommer folgte.
Wie also vorgehen? Man kann weder Assad noch die Rebellen Vollgas unterstützen – beides wäre verheerend und würde den Zustand nur verschlimmbessern. Generell, weil in einem derartigen Bürgerkrieg eine Front massiv zu unterstützen in der älteren genau so wie in der jüngeren Geschichte zu meist noch größeren Problemen führte (unter anderem zum IS).
Wichtig wäre, meiner Meinung nach, vor allem, nicht wieder den USA die alleinige Anführerschaft in dieser Frage zu überlassen, denn wenn wir eines gesehen haben in den vergangenen Jahrzehnten, dann das ein Befreiungskrieg der USA meist zu einem Desaster für die dortige Bevölkerung wurde und vor allem, dass jene dann im der Befreiung folgenden Demokratieprozess alleine gelassen wurde – sprich: Es kamen genau jene an die Macht, die alles andere als Demokratie wollten.
Eine von europäischen Staaten geführte militärische Operation, die, und diesmal wäre es zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg tatsächlich so, einen Befreiungskrieg gegen den IS anführen würde, könnte sicherstellen, dass es nicht wie sonst üblich bei den USA abläuft – sprich: “Befreien”, Geldrückflüsse sichern, hinter uns die Sintflut.
Es wäre unumgänglich, gemeinsam mit der UN, einen fairen, echten Demokratieprozess zu starten, um das Aufkommen neuer militanter, totalitärer, extremistischer Fanatiker zu unterbinden und den Menschen in Syrien eine echte Chance zu geben und gleichzeitig dem Terror einen massiven Schlag ins Gesicht zu versetzen, der ihm Geld, Rekrutierungsmöglichkeiten und vor allem infrastrukturelle Stärke wegnimmt.

Wenn es doch nur so einfach wäre

Mir wurde vorgeworfen, ich würde Krieg als einfache und mir liebste Option darstellen. Nun, mir war nicht bewusst, dass man so etwas dezidiert klarstellen muss, vor allem, wenn man es nie behauptet oder geschrieben hat, aber: Nein, ich will keinen Krieg. Nein, ich möchte nicht, dass Europa in den Krieg zieht. Nein, mir wäre jede andere effiziente und funktionierende Option unendlich lieber. (What else?!)
Spannend finde ich nur, dass mir dabei sehr hohe Naivität vorgeworfen wurde. Ich, zum Beispiel, finde es nicht sehr realitätsnah, wenn man meint, man kann den IS einfach mit ein paar simplen Wirtschafts- und Finanzembargos in die Knie zwingen.
Ein Beispiel, um das zu verdeutlichen: Die Mafia, egal ob von den Russen, den Italienern, den Ostländern, whomever, ist eine bekannte, riesige Wirtschaftsmacht. Menschenhandel, Drogen- und Waffenschmuggel, Erpressung, Diebstahl, etc.pp. – jedes Land betreibt massive Bemühungen, um dem organisierten Verbrechen entgegenzutreten – und es funktioniert aber nicht einmal im Geringsten.
Da kommt mir natürlich die Frage auf: Wäre das so einfach, dass man derartige Verbrecherorganisationen mit solch simplen Mitteln ausschalten kann, warum haben wir es dann nicht schon lange bei den Mafien dieser Welt getan?!
Außer natürlich wir unterstellen dem IS, ein Haufen dämlicher Hinterweltler zu sein, denen man mit links mit unserer westlichen Intelligenz das Handwerk legen kann. Leider ist dem nicht so. Die Organisation des IS ist erschreckend gut auf- und ausgebaut.

Niemand will Krieg

Der Krieg ist das Schlimmste, was die Menschheit hervorgebracht hat. Niemand wünscht sich das, niemand will das. Auch ich ganz bestimmt nicht.
Aber nur, weil man etwas ganz fest nicht will, heißt das leider noch lange nicht, dass es einem nicht widerfährt.
Ja, wir können natürlich weiterhin hoffen, dass wir den IS irgendwie finanziell doch noch dran kriegen, und versuchen ihre digitalen Börsenspuren aufzuspüren, können schauen, dass wir halbjährlich eines ihrer Bargeldlager finden und zerbomben können und wir können darauf warten, dass das irgendwann zu einer Auflösung des Kalifats führt. Aber das könnte dauern. Massiv lange.
Die große Frage ist, ob die Zeit in diesem Fall auf unserer Seite ist. Ob die unfassbare Gehirnwäsche und Propagandamaschinerie und das eiserne Terrorregime des IS mit der Zeit schwächer… oder stärker wird. Wenn ich an das, für mich vergleichbarste Terrorregime der Neuzeit denke, die Nationalsozialisten, dann kennen wir die Antwort.
In dieser Zeit terrorisiert dieses Regime nicht nur seine eigene Bevölkerung, sprich jene Menschen, die leider dort leben, wo der IS Raumgewinn gemacht hat, sondern auch die Bevölkerung der umliegenden Regionen. In dieser Zeit wird dieses Terrorregime weiterhin Massenhinrichtungen durchführen, Steinigungen, Massenvergewaltigungen und, ja, nicht zu vergessen – Terroranschläge.

Hätten wir die gleiche Diskussion, wenn es nur darum ginge, dass der IS in seinem kleinen Territorium ein brutales Regime führt?! Würden wir dann auch darüber reden, ob man es vernichten müsste? Mit einem dicken Kloß im Hals schreibe ich: Vermutlich nicht.
Aber so wie es sich nun darstellt, führen wir diese Diskussion und wir suchen den effektivsten Weg, diesen Terrorschergen das Handwerk zu legen. Ja, nicht als heilige Samariter, weil wir die Syrer retten wollen, sondern auch aus Eigennutzen. Ob das das beste Motiv ist? Vermutlich nicht.
Aber dass es eines ist, dass zu einem positiven Ergebnis führen würde – nämlich zur Zerschlagung des IS und damit zu einer massiven Schwächung des weltweiten Terrors – das steht wohl außer Zweifel.

Nein, niemand will Krieg. Krieg ist nicht erstrebenswert. Krieg muss undenkbar bleiben, bis nichts anderes mehr denkbar ist. Krieg darf nie die erste, sondern muss die allerletzte Zuflucht sein.

Ich korrigiere mich – für uns.

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2 thoughts on “Alternativen zum Krieg gegen den IS

  1. Pingback: Europa muss in den Krieg ziehen | timpelsblog

  2. Pingback: Krebsgeschwür Terrorismus | timpelsblog

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