Die blaue Gefahr

Gestern ist also das, was viele vor der Wien-Wahl befürchtet haben, tatsächlich passiert. Ein erdrutschartiger Sieg für die FPÖ, Personenwahl hin oder her.
Die Reaktionen darauf im Sekundentakt, könnte kotzen, auswandern, leben in Österreich nur Idioten?! und dazu natürlich passend eine über 6.000 Mal geteilte Statistik die zeigt: Je dümmer desto FPÖ, je g’scheiter, desto Grün und Griss.

Lest ein Geschichtsbuch oder Die Österreicher sind das einzige Volk, das aus Erfahrung dümmer wird! und dergleichen liest man überall. So fängt es an. Wie rechts ist Österreich?!
Ist das denn wirklich so?! Sind wir ein total vertrotteltes, saudummes Land, rechtsradikal, rassistisch und faschistisch bis zum geht nicht mehr und steht uns jetzt tatsächlich wieder ein faschistisches Regime bevor, wie vor 80 Jahren?!

Gehen wir mal ein auf die Dummheit. Das habe ich gestern besonders oft gelesen. Wie dumm kann man sein?, dummes Österreich!, uswusf. Bewiesen mit einer ORF/SORA/ISA-Statistik. Die Dummen wählen die FPÖ, alle G’scheiten wählen Grün und Griss. Na gut, dann muss es wohl so sein.
Außer, dass diese Statistik eigentlich nichts über die Intelligenz der Wähler aussagt, sondern über ihre Bildung. Das sind zwei Dinge, die, wie jeder intelligente Mensch weiß, absolut gar nichts miteinander zu tun haben. Aber woran liegt es dann, dass unter den weniger gebildeten so viele die FPÖ wählen, während dieses Wahlverhalten mit der Bildung rapide abnimmt? Doch Intelligenz?

Mitnichten. Die Bildung sagt nämlich wesentlich mehr über den wahrscheinlichen Arbeitsplatz aus, als über die Intelligenz. Menschen mit Pflichtschulabschluss oder einer Lehre arbeiten im Schnitt natürlich in weit weniger gut bezahlten Jobs als Menschen mit Matura oder einem abgeschlossenen Studium. Das sagt uns, in welcher sozialen Schicht sie leben.
Was sagt uns das noch? Nicht, dass jene mit Studium intelligenter sind, sondern dass Sie die Möglichkeit hatten, auch finanziell, sich die Dauer eines Studiums zu leisten. Wir wissen ganz genau, dass Bildung vererbt wird. Denn in Arbeiterfamilien, wo das Einkommen gerade mal so für den Erhalt der Familie reicht, ist man froh, wenn einer nicht mehr nur kostet, sondern auch etwas einbringt – das Kind wird zur Lehre oder direkt in den Beruf gedrängt, man braucht das Geld. Hingegen ist es in einer Familie mit einem sehr hohen Haushaltseinkommen um einiges einfacher zu sagen: “Lass dir Zeit, studiere in Ruhe, ich zahle dir derweil deinen Lebensunterhalt.”

Aber wie gibt uns das Aufschluss über das Wahlmotiv? Nun, wer im schlechteren Job arbeitet, weniger verdient und generell auch kaum Aussichten auf Alternativen, Aufstiegschancen und Selbstverwirklichung hat, der ist natürlich auf lange Sicht gesehen frustriert, unzufrieden und unglücklich. Wem es besser geht, der wird beneidet, teilweise sogar verachtet. Hinzu kommt natürlich die Wohnsituation in einer Wohngegend, die man sich leisten kann – also eine schlechte Wohngegend, mit vielen ähnlich Frustrierten und mit einem enorm hohen Ausländeranteil.
Wichtig zu bedenken: In diese Gegenden ziehen keine gut integrierten Migranten, die die hiesige Kultur tatsächlich mit offener Vielfalt bereichern – nein, in diese Gegenden ziehen die migrierten Pendants zu jenen Einheimischen, die schon hier wohnen und gewohnt haben.
Daraus resultiert aber, dass die Erfahrung im Umgang mit Migranten zwischen jenen, die schlechte Bildung, daher schlechte  Jobs, daher wenig Geld haben und deshalb in schlechten Wohngegenden leben, massiv divergiert gegenüber jenen, die eine gute Bildung, daher gute Jubs, daher viel Geld haben und in guten Wohngegenden wohnen. Denn diese fragen sich oft, wo überhaupt das Problem mit Migranten liegen soll. Genau das, was auch die Grünen oder ein Alexander Van der Bellen dauernd skandieren.
Die meisten Vorfälle von Gewalt unter/von Migranten, von denen man liest, passieren nicht im 7., 8. oder 9. Bezirk, sondern eher am Praterstern, in Favoriten, Meidling, in Transdanubien.

Hinzu kommt natürlich, dass jemand, der das drei- oder vierfache eines Arbeiters verdient, sich kaum Sorgen darum macht, welche Ausgaben Flüchtlinge oder Migranten für den Staat bedeuten. Sie haben genug. Worum sollen sie sich sorgen?!
Die Arbeiter haben aber nicht mehr genug. Die reale Inflation liegt seit Jahren massiv über der behaupteten, Mieten und Lebensmittel sind die größten Preistreiber, Dinge, die auch der Arbeiter täglich kaufen muss, im Gegensatz zu den Inflationssenkern wie Flatscreens und Autos.
Das bedeutet, dass diese Leute nur sehen: Für mich ist kein Geld da, mir wird genommen und ich komme kaum mehr mit meinem Geld aus. Jeden Monat muss ich bangen, dass ich überhaupt genug übrig habe um Rechnungen zu bezahlen und da kommen 90.000 Flüchtlinge daher und werden mit allem versorgt, bekommen die Jahreskarte umgerechnet um 48 Euro und bekommen die Mindestsicherung genau so wie ich, oder sogar noch eher als ich, wenn ich in einem Haushalt mit einer zweiten verdienenden Person lebe. (Anm.: In diesem Fall wird nur die halbe Mindestsicherung ausbezahlt, also ca 400,-€. Eine Lächerlichkeit.)
Von den Gutverdienern wird so ein Gerede natürlich nur belächelt. “Aber geh, wir haben für so vieles andere so viel Geld über, des bissl wird ah noch drin sein.” Klar, ihnen fehlt es auch an nichts. Sie haben auch wenig Sorge, in die Arbeitslosigkeit zu schlittern und irgendwann tatsächlich auf eine Mindestsicherung angewiesen zu sein.
Es ist aber in Wahrheit natürlich relativ schwer zu erklären, warum jemand, der gerade neu ins Land gekommen ist, ohne qualifikativ eine Bereicherung oder einen Mehrwert für das Land zu liefern, plötzlich exakt die gleichen Ansprüche auf Sozialleistungen hat, wie jemand, der hier seit 20 Jahren in den Sozialtopf einzahlt.

Hinzu kommt gleichzeitig, jaja, Schrödingers Flüchtlinge, dass natürlich weniger und wenig qualifizierte Menschen eine absolut berechtigte Angst haben, dass ihnen von ebenfalls schlecht qualifizierten Menschen, mit zusätzlich sehr niedrigen finanziellen wie arbeitstechnischen Ansprüchen , der Job weggenommen wird.
Eine Angst, die jemand mit guter oder sehr guter Qualifikation wohl eher nicht haben wird. Vor allem wenn wir uns die realen Zahlen ansehen, dass der größte Teil der im letzten Jahr in Österreich angekommenen Menschen äußerst schlecht bis gar nicht gebildet und damit für unseren mittleren und höheren Arbeitsmarkt unqualifiziert sind.

Wenn man es sich also ein bisschen überlegt, dann gibt es absolut nachvollziehbare Gründe, warum weniger gebildete Leute eher die FPÖ wählen, als besser gebildete. Dummheit gehört sicher nicht dazu. Dies zu erkennen bedarf aber natürlich einer gewissen Intelligenz. Daher sehe ich, wenn jemand diese Bildungsstatistik plakativ und mahnend auf Facebook teilt, schon Dummheit. Aber eher beim Poster, als bei den weniger gebildeten Menschen, die er damit als dumm abstempeln will.

Kommen wir nun zum Rechtsruck. Zum Rechtsradikalismus. Zu dem, wie es beginnt. Fast 40%. Fast 40%! Die alle sind rechts. Weil, wer FPÖ wählt, ist dumm und die FPÖ ist rechtsradikal und wer sie wählt ist es auch. Auch das keine äußerst intelligente Schlussfolgerung.
Der erste Fehler den viele begehen: Die FPÖ ist eine rechtspopulistische Partei, keine rechtsradikale oder rechsextreme. Betonung auf Partei. Dass da einige Mitglieder in der Partei die Grenzen teilweise ausgelotet und überschritten haben steht außer Zweifel.
Aber die Partei an und für sich ist rechtspopulistisch, genauso, wie die Grünen linkspopulistisch sind.
Das bedeutet: Die FPÖ versucht die Probleme der Zuwanderung, von Flüchtlingen und einer pluralistischen Gesellschaft herauszukehren. Die Grünen versuchen jene zu ignorieren und fokussieren sich auf die möglichen Vorteile. Beide machen also das, was ihre Kernwählerschaft von ihnen erwartet – sie sprechen sie in ihrer eigenen Lebenswelt an, entsprechend ihrer alltäglichen Erfahrung, ihrer eigenen, gefühlten Realitäten.
Die FPÖ konzentriert sich also darauf, die, durchaus realen, vorhandenen, massiven Probleme mit den Flüchtlingsströmen, mit der Integration, mit der misslungenen Integration, mit der Ghettobildung, mit steigender, importierter Drogenkriminalität und mit der gestiegenen Ostkriminalität zu behandeln, redet offen darüber und gibt somit den Menschen, die diese Probleme täglich erleben, das Gefühl, sich ihrer Sorgen anzunehmen, für sie da zu sein und sich um sie zu kümmern.
Die Grünen konzentrieren sich darauf, all diese Probleme kleinzureden, wenn sie sie überhaupt behandeln, weil die eigene Kernwählerschaft sich freut, wenn da ein usbekisches Restaurant um die Ecke aufmacht, wenn sie toll integrierte, neue Mitbürger in ihrem Viertel begrüßen dürfen und wenn vor allem das eigene, vom Konsum und Überfluss geplagte Gewissen beruhigt ist, weil sie am Westbahnhof ein paar Brote und ein paar Wasserflaschen verteilt haben.
Deshalb ist für die Grünen jede Idee, die nach Zustromregulation oder nach schnelleren Asylverfahren klingt sofort ein undenkbarer, menschenverachtender, faschistischer, zu verteufelnder Bruch aller Grundchartas dieser Erde. Weil das die eigene Kernwählerschaft bedient, die sich in ihrer bedingungslosen Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit moralisch gut und überlegen fühlt.

Der Punkt ist aber, dass die FPÖ-Wähler damit nicht alle Nazis und Rechte oder sontiges sind, sondern es sind Leute, die sozial schlechter gestellt sind, daher in schlechteren Wohngegenden leben und damit mit einer ganz anderen Realität konfrontiert sind, als andere. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo in der Mitte.
Denn jedem vernünftigen Mensch muss klar sein, dass die blinde Willkommenskultur, aus vielerlei Gründen, ein Fehler war und dass eine Weiterführung selbiger ohne nachhaltiger Konzepte zur Beendigung des Konflikts in Syrien eine reine Bankrotterklärung der europäischen Union und auch der einzelnen Staatsregierungen wäre.

Aber warum bin ich dann zum Beispiel so massiv gegen die FPÖ? Wenn ich doch ohnehin alles so schön relativiere und in Zusammenhang stelle, was ist dann mein großes Problem mit der Partei?

Es ist die Tendenz, Österreich in den wirtschaftlichen Untergang zu führen. Denn die wahre, große Gefahr einer FPÖ geht davon aus, dass sie ständig gegen die EU wettern, weg von einer zentralistischen Regierung wollen und lieber Nationalstaaten fördern, die jeder für sich wirtschaften, nur halt ein bissi zusammenarbeiten.
Dass dieses Modell nicht funktioniert haben wir in den letzten großen Krisen in Europa gesehen.
Europa ist ein Haufen von auf Good-Will-Basis zusammensitzender Staatschefs, von denen jeder einzelne einer sinnvollen Maßnahme erst zustimmen muss, bevor sie in Kraft tritt, wohlgemerkt, dass jeder davon auf europäischer Ebene Partei- und Klientelpolitik für die nächsten Wahl in der Heimat betreibt. Ein Konzept, dass unmöglich funktionieren kann.
Genau so ist es unmöglich, dass eine europäische Union keine Probleme mit Lohndumping und Sozialdumping haben wird, wenn nicht Arbeits- und Sozialrecht angeglichen werden.
Genau so ist es unmöglich, dass kleine Einzelstaaten wie Österreich auf lange Sicht gesehen am internationalen Markt mithalten und bestehen könnten, ohne eine Neuausrichtung der Kernkompetenzen des heimischen Arbeitsmarktes, wofür man aber sehr wohl wieder umfassende und intensive Partnerschaften innerhalb Europas benötigen wird.
Und genau so ist es unmöglich, dass ein kleiner Einzelstaat wie Österreich es als Nationalstaat schafft, Probleme wie den internationalen Terrorismus zu lösen, oder das ständig voranschreitende Erstarken des Islamismus im Nahen Osten.

Die einzige Chance für Österreich, um, auch für die Arbeiter und den kleinen Mann, langfristig am internationalen Markt und in der immer schneller werdenden, immer enger vernetzten und in den immer härter werdenen Konkurrenzkampf verwickelten Welt zu bestehen und sich behaupten zu können, ist eine massive Kompetenzumverteilung in Richtung EU.
Denn ein derart träger, machtloser und teilweise fast schon sinnloser Verband aus primär Eigeninteressen vertretenden Mitgliedern hat keinerlei Chance sich aber auch nur irgendwie auf dem Weltmarkt zu behaupten.

Das ist die wahre blaue Gefahr für Österreich und ganz Europa, ganz so, wie es Van der Bellen auch oft gesagt hat.
Allerdings, und das möchte ich schon ganz ausdrücklich betonen:
Wenn der Wähler sich nunmal so entscheidet, dass er diesen Weg beschreiten will, dann hat das der Bundespräsident zu akzeptieren. Denn alles andere, sprich ein Mann an der Spitze des Staates, der den Wählerwillen ignoriert, ist tatsächlich diktatorisch, da hat die FPÖ sogar Recht.

Standard

Der Radiotest, der Meischberger, die Politik, ein Schlägertrupp und Sie

Der Radiotest ist also die letzten Jahre über inkorrekt durchgeführt worden, hat das durchführende Institut nun offiziell zugegeben. Warum man damit nach Jahren rauskommt ist verwunderlich, muss aber wohl an einem Whistleblower liegen, dem man zuvorkommen wollte. Better to admit and apologize, than to deny and get caught.
In der Branche intern zwar Ärger, aber eigentlich nirgendwo Verwunderung. Warum?
Weil es absolut jeder gewusst hat. J e d e r.

Dass die Anrufer, die die “repräsentativ” ausgewählten Menschen Österreichs befragten, oftmals suggestiv meinten “Sind Sie sicher?! Meinen Sie nicht Ö3?!” oder dass einige Fragebögen mal eben ohne Anrufe ausgefüllt wurden, natürlich in die Richtung, die dem Mainstream folgt, weil dann fällt’s nicht so auf. Das alles ist Wissen, dass seit je her in der Radiobranche allgegenwärtig ist.
Warum hat dann bisher keiner was getan, fragen Sie?!

Von wie vielen Korruptions-, Bestechungs- und Schmiergeldvorfällen wissen Sie persönlich aus eigener oder erzählter Erfahrung Bescheid? Alles unter 3 glaube ich Ihnen nicht. So, warum haben Sie nichts gemacht?!

Warum hat man nicht sofort gemeldet, als man vom Magistrat aufgefordert wurde, eine ganz bestimmte Firma mit den Umbauten im neuen Geschäftslokal zu beauftragen, sonst bekäme man die Genehmigung nicht? Richtig, sonst bekäme man die Genehmigung nicht. Man hat gerade mit Erspartem oder Kredit etwas aufgebaut, versucht nun damit an den Start zu gehen und kann sich unmöglich leisten, jetzt ein derartiges, langwieriges Prozedere durchzufechten.

Warum hat man nicht sofort gemeldet, als die Umweltschutzorganisation XY ihre Bedenken beim Bau neuer Windkrafträder bezüglich der Brutplätze der Linksrechtssperinge in dem Augenblick verlor, als man ihr eine halbe Million Euro im Geldkoffer übergab?! Weil man seine Windräder bauen wollte und nicht in ein derartiges Prozedere verwickelt werden wollte.

Warum legt man nicht tatsächlich jedesmal Beschwerde ein gegen einen Polizisten, der einen aus reiner Langeweile oder Übellaunigkeit sinnlos schikaniert? Weil man weiß, dass man sowieso am kürzeren Ast sitzt.
Ist nicht so?! Achso?! Wieso laufen dann so Leute wie ein Grasser oder, ganz aktuell, ein Meischberger frei herum?!

Weil der aktuelle Partei- und Bürokratieapparat so unglaublich verfilzt, verpackelt und korrumpiert ist, dass es geradezu absurd lächerlich ist, dagehen vorgehen zu wollen. Die etablierten, alten Parteien, egal ob Regierung oder Opposition, sind in dieses System aus Postenschacher, Freunderlwirtschaft, Schieberei, Packelei und Schmierei nicht einmal mehr eingeflechtet, nein, sie SIND dieses System, durch und durch.

Jene, die die Gesetze am meisten biegen und brechen sind jene, die sie machen. Und jeder der einer der vier Altparteien wieder und wieder seine Stimme gibt, gehörte eigentlich abgewatscht, wenn er das nicht eh die nächste Amtsperiode am laufenden Band von den von ihm gewählten Systemkorrupten werden würde.
Die Defintion von Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und sich ein anderes Ergebnis zu erwarten.

Mir ist egal, ob die Neos, die Kommunisten, die Piraten oder wen auch immer, aber als Staatsbürger haben Sie die gottverdammte Pflicht, nicht nur für sich, sondern auch für ihre Gesellschaft zu sorgen. Und dazu gehört, sich auf den Hintern zu setzen und Parteiprogramme zu lesen, auch von nicht so großen Parteien oder unbekannteren Kandidaten.

Es hat keinen Sinn die zu wählen, weil die eh nicht ins Parlament kommen?! Ja, das ist aber nur deshalb so, weil 90% der Österreicher zu faul sind, sich auch nur ein kleines Stück weit tiefergehend mit der heimischen Politik zu befassen. Aber natürlich im Aufregen über das verdreckte, verfilzte Korruptionssystem, da sind wir dann wieder stark. Und dann doch wieder Kreuzerl bei SPÖ/ÖVP/FPÖ/Grünen gemacht.

Ist eh egal, sind eh alle gleich?! Ja, jene, die seit Jahrzehnten packeln und schieben, haben das eindeutig bewiesen. Umso mehr ein Grund, neuen Parteien eine Chance zu geben. Jeder, der das nicht behirnt, der darf wöchentlich zur nächsten Schlägertruppe gehen, ihr einen Hunderter geben und sich dann dafür in die Fresse hauen lassen, weil darauf steht er ja offensichtlich.

Ach, und nur zur Klarstellung: Das hier ist keine Wahlempfehlung. Das ist eine verdammte Denkaufforderung.

Standard

Unser Mitleid für unsere Leut’

Warum sind für uns Terroranschläge im Nahen Osten oder Afrika quasi scheißegal und warum jene in Europa Staatstrauer erfordernde Tragödien ungeahnten Ausmaßes?!

Jeder weiß noch ganz genau, wo er an 9/11 war, als er von den Anschlägen erfuhr… jeder… in der westlichen Welt.
Paris, 15 Jahre später, Schock, Bestürzung, Trauer… wissen Sie noch, was Sie genau in dem Augenblick taten, als sie davon erfuhren? Ich nicht mehr, ehrlich gesagt. Ich bekam es am Rande mit, merkte es erst nächsten Tag massiv, als ich in meiner journalistischen Tätigkeit 7 Stunden nonstop damit konfrontiert wurde.

Doch das Mitgefühl auf Facebook war groß, wir erinnern uns alle noch an die dreifärbigen Profilbilder oder die je suis Paris -Spruchbilder.
Bei Brüssel zum Beispiel war die Bestürzung auch groß, auch hier posteten ein paar je suis Bruxelles, aber es waren viel weniger. Mehr hingegen posteten je suis sick of this shit.
Bumm, da staunte ich nicht schlecht, muss ich sagen. In wenigen Monaten wandelte sich das Gefühl in Europa von fassungsloser Anteilnahme und dezenter Solidaritätsbekundung zu rotziger, cooler, frecher Selbstdarstellung… sogar inklusive Verhöhnung der ursprünglichen Solidaritätsbotschaft. Ich war verblüfft.
Mehr noch, keine halbe Stunde nach den ersten Meldungen über die Toten und Verletzten wurden schon Vorwürfe gepostet, sinngemäß:
“Wenn das in der Türkei passiert ist es jedem scheißegal und wenn es in Brüssel ist, scheißt sich jeder an?!? Lächerlich!”
Aus einigen Opfern quollen wahrscheinlich noch die letzten Tropfen Blut während derartige Zeilen bereits auf Facebook gepostet wurden… Wahnsinn! Ob man damit nicht vielleicht ein paar Tage hätte warten können?!?

Generell hörte und las ich diese Argumentation in den folgenden Tagen und Wochen aber öfter. Bei Brüssel oder Paris is es a großes Drama, wenn’s in der Türkei passiert is jeden wurscht.
Stimmt prinzipiell, aber… kann man das den Menschen tatsächlich vorwerfen?!

Jeden Tag sterben tausende Menschen, darunter auch viele Kinder. Sie verdursten, verhungern, sie werden erschossen, bei Explosionen zerfetzt, sie werden zu Tode geprügelt, aber viele sterben auch an Krankheiten, siechen dahin, viele Menschen sterben jeden Tag an Altersschwäche. Jeden Tag.
Ja na gut, aber die kenne ich ja alle nicht! Aha. Ok. Aber wie jetzt?! Wie weit ziehe ich meinen Mitgefühlsradius? Nur Menschen, die ich kenne? Das wird dann, normalerweise, sehr wenig Mitgefühl im Leben von mir erfordern, normal stirbt einem nicht alle Monate jemand weg, den man kennt, sofern man sich nicht im hohen Alter befindet.
Warum lösen solche Terroranschläge wie Paris oder Brüssel überhaupt solche Bestürzung aus? Warum haben diese mir Fremden Toten mehr Mitleid verdient als alle anderen an diesem Tag Verstorbenen, die ich nicht kenne?!

Einerseits der Umstand, dass man überhaupt davon erfährt. Anderseits die Umstände des Geschehens. Drittens die relativ empfundene Identifikationsmöglichkeit. Simple as that.

Über Autounfälle, bei denen eine junge Mutter zweier kleiner Kinder unverschuldet vom LKW aus dem Leben gerissen wird, werden Sie auch in der Zeitung lesen und vielleicht kurz bei sich denken Mah, tragisch… die armen Kinder. Sie haben davon erfahren und die Umstände sind auf irgendeine Art und Weise besonders.
Von den alltäglichen Toden erfährt man ja nichts, gerade auch von jenen, die zu weit weg sind. Ein Autounfall in Asien mit 2 Toten wird es kaum in unsere Medien schaffen.

Umstände umfasst meist
-unnatürlich
-vermeidbar
und im schlimmsten Fall noch
-geplantes Fremdverschulden.
Ein Amoklauf wird zum Beispiel immer große Bestürztheit auslösen, weil es diese absichtliche Wahllosigkeit des Mordens ist, die uns so erschreckt. Es hätte jeden treffen können – jeden heißt: auch mich. Stell dir vor, das passiert dir… womit wir auch schon bei der persönlich empfundenen Identifikationsmöglichkeit wären.

Warum ist uns ein exakt gleich ablaufender Bombenanschlag in Syrien oder dem Irak so herzlich egal im Vergleich zu einem in Brüssel?
Weil wir uns mit diesen Ländern nicht identifizieren können. Wir wissen: dort herrscht aktuell Bürgerkrieg oder bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Kultur ist uns fremd, die Religion, das politische System, die gesamte Erscheinung dieses Landes gleicht in keiner Art und Weise der des unsrigen. Es ist uns absolut fremd. Was nicht heißt, dass wir intellektuell nicht wissen und wahrnehmen, dass der Anschlag und die 40 Toten dort tragisch sind. Aber dieses Wissen schafft es nicht auf die Gefühlsebene. Weil wir uns nicht damit identifizieren können.

Brüssel und Paris hingegen sind uns als Städte unfassbar ähnlich. Baustile, Kultur, Religion – klar gibt es Unterschiede, aber dennoch: Ein Foto in einer Fußgängerzone in Paris oder Brüssel könnte genausogut in Wien aufgenommen worden sein, wir würden es auf den ersten Blick nicht unterscheiden können. Etwas, was uns beim Irak oder Syrien oder auch der Türkei sofort gelingen würde.
Brüssel und Paris sind wie bei uns. Wie bei uns. Genau wie bei uns. Es könnte auch bei uns sein. Ein fundamentaler, furchteinflößender Gedanke, der uns eben bei fernen, fremden Ländern nicht kommt.

Sind wir jetzt alle rassistische Arschlöcher deshalb?! Nein, denn der Mensch könnte als Wesen nicht funktionieren, wenn es keine Barriere zum emotionalen Teil unseres Bewusstseins gäbe.
Würden wir jeden Tag um jeden Toten dieser Welt trauern, käme unser gesamtes Leben zum absoluten Stillstand. Wir litten an schwersten Depressionen und würden vermutlich bald zum Suizid greifen müssen.

Außerdem können wir unsere spontanen Emotionen nicht kontrollieren. Wenn wir etwas traurig finden, finden wir es traurig. Dagegen anzukämpfen erfordert massiven Aufwand. Wenn wir etwas aber nicht traurig finden, dann finden wir es eben nicht traurig. Mit ebenfalls massivem Aufwand könnten wir vielleicht unser empfundenes Mitgefühl steigern, aber eine erste emotionale Reaktion lässt sich nicht steuern.
Es ist also keine bösartige Gemeinheit, dass uns die einen Anschläge mehr mitnehmen, als andere – es liegt in der Natur des Menschen.

Genauso liegt es in der Natur des Menschen abzustumpfen, womit ich auf die anfängliche Beobachtung des massiven Rückgangs der öffentlichen Trauer und des öffentlichen Schocks gegenüber des Terrors zurückkomme. Wenn uns zu oft ein ähnlicher Reiz widerfährt, reagieren wir immer weniger darauf.
Bei 9/11 war der Schock monate-, jahrelang, bei Paris war die gefühlte Trauer tage- und wochenlang vorhanden – Brüssel kam zwei Tage später in der Kategorie “ferner liefen”.
Auch das ist keine Bösartigkeit des Menschen, sondern, wie auch der enge Kreis des persönlichen, emotionalen Mitgefühls, ein Selbstschutzmechanismus.

Ja, es sind uns emotional gesehen Anschläge im Nahen Osten oder in Afrika mehr egal als jene in Mitteleuropa. Nein, wir sind deshalb nicht böse oder schlecht oder rassistisch. Wir sind menschlich.
Wenn man das für sich anders sieht, ist es auch ok. Man muss auch mit keinem Anschlag mitfühlen, egal wo.

Aber auf eines, denke ich, können wir uns einigen: Egal wie man selber zu etwas steht – die Trauer eines anderen sollte man respektieren. Ihn deshalb anzugreifen oder zu attackieren ist nicht einmal mehr unterste Schublade, es ist sogar weit darunter. Rein menschlich betrachtet.

Standard