Unser Mitleid für unsere Leut’

Warum sind für uns Terroranschläge im Nahen Osten oder Afrika quasi scheißegal und warum jene in Europa Staatstrauer erfordernde Tragödien ungeahnten Ausmaßes?!

Jeder weiß noch ganz genau, wo er an 9/11 war, als er von den Anschlägen erfuhr… jeder… in der westlichen Welt.
Paris, 15 Jahre später, Schock, Bestürzung, Trauer… wissen Sie noch, was Sie genau in dem Augenblick taten, als sie davon erfuhren? Ich nicht mehr, ehrlich gesagt. Ich bekam es am Rande mit, merkte es erst nächsten Tag massiv, als ich in meiner journalistischen Tätigkeit 7 Stunden nonstop damit konfrontiert wurde.

Doch das Mitgefühl auf Facebook war groß, wir erinnern uns alle noch an die dreifärbigen Profilbilder oder die je suis Paris -Spruchbilder.
Bei Brüssel zum Beispiel war die Bestürzung auch groß, auch hier posteten ein paar je suis Bruxelles, aber es waren viel weniger. Mehr hingegen posteten je suis sick of this shit.
Bumm, da staunte ich nicht schlecht, muss ich sagen. In wenigen Monaten wandelte sich das Gefühl in Europa von fassungsloser Anteilnahme und dezenter Solidaritätsbekundung zu rotziger, cooler, frecher Selbstdarstellung… sogar inklusive Verhöhnung der ursprünglichen Solidaritätsbotschaft. Ich war verblüfft.
Mehr noch, keine halbe Stunde nach den ersten Meldungen über die Toten und Verletzten wurden schon Vorwürfe gepostet, sinngemäß:
“Wenn das in der Türkei passiert ist es jedem scheißegal und wenn es in Brüssel ist, scheißt sich jeder an?!? Lächerlich!”
Aus einigen Opfern quollen wahrscheinlich noch die letzten Tropfen Blut während derartige Zeilen bereits auf Facebook gepostet wurden… Wahnsinn! Ob man damit nicht vielleicht ein paar Tage hätte warten können?!?

Generell hörte und las ich diese Argumentation in den folgenden Tagen und Wochen aber öfter. Bei Brüssel oder Paris is es a großes Drama, wenn’s in der Türkei passiert is jeden wurscht.
Stimmt prinzipiell, aber… kann man das den Menschen tatsächlich vorwerfen?!

Jeden Tag sterben tausende Menschen, darunter auch viele Kinder. Sie verdursten, verhungern, sie werden erschossen, bei Explosionen zerfetzt, sie werden zu Tode geprügelt, aber viele sterben auch an Krankheiten, siechen dahin, viele Menschen sterben jeden Tag an Altersschwäche. Jeden Tag.
Ja na gut, aber die kenne ich ja alle nicht! Aha. Ok. Aber wie jetzt?! Wie weit ziehe ich meinen Mitgefühlsradius? Nur Menschen, die ich kenne? Das wird dann, normalerweise, sehr wenig Mitgefühl im Leben von mir erfordern, normal stirbt einem nicht alle Monate jemand weg, den man kennt, sofern man sich nicht im hohen Alter befindet.
Warum lösen solche Terroranschläge wie Paris oder Brüssel überhaupt solche Bestürzung aus? Warum haben diese mir Fremden Toten mehr Mitleid verdient als alle anderen an diesem Tag Verstorbenen, die ich nicht kenne?!

Einerseits der Umstand, dass man überhaupt davon erfährt. Anderseits die Umstände des Geschehens. Drittens die relativ empfundene Identifikationsmöglichkeit. Simple as that.

Über Autounfälle, bei denen eine junge Mutter zweier kleiner Kinder unverschuldet vom LKW aus dem Leben gerissen wird, werden Sie auch in der Zeitung lesen und vielleicht kurz bei sich denken Mah, tragisch… die armen Kinder. Sie haben davon erfahren und die Umstände sind auf irgendeine Art und Weise besonders.
Von den alltäglichen Toden erfährt man ja nichts, gerade auch von jenen, die zu weit weg sind. Ein Autounfall in Asien mit 2 Toten wird es kaum in unsere Medien schaffen.

Umstände umfasst meist
-unnatürlich
-vermeidbar
und im schlimmsten Fall noch
-geplantes Fremdverschulden.
Ein Amoklauf wird zum Beispiel immer große Bestürztheit auslösen, weil es diese absichtliche Wahllosigkeit des Mordens ist, die uns so erschreckt. Es hätte jeden treffen können – jeden heißt: auch mich. Stell dir vor, das passiert dir… womit wir auch schon bei der persönlich empfundenen Identifikationsmöglichkeit wären.

Warum ist uns ein exakt gleich ablaufender Bombenanschlag in Syrien oder dem Irak so herzlich egal im Vergleich zu einem in Brüssel?
Weil wir uns mit diesen Ländern nicht identifizieren können. Wir wissen: dort herrscht aktuell Bürgerkrieg oder bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Kultur ist uns fremd, die Religion, das politische System, die gesamte Erscheinung dieses Landes gleicht in keiner Art und Weise der des unsrigen. Es ist uns absolut fremd. Was nicht heißt, dass wir intellektuell nicht wissen und wahrnehmen, dass der Anschlag und die 40 Toten dort tragisch sind. Aber dieses Wissen schafft es nicht auf die Gefühlsebene. Weil wir uns nicht damit identifizieren können.

Brüssel und Paris hingegen sind uns als Städte unfassbar ähnlich. Baustile, Kultur, Religion – klar gibt es Unterschiede, aber dennoch: Ein Foto in einer Fußgängerzone in Paris oder Brüssel könnte genausogut in Wien aufgenommen worden sein, wir würden es auf den ersten Blick nicht unterscheiden können. Etwas, was uns beim Irak oder Syrien oder auch der Türkei sofort gelingen würde.
Brüssel und Paris sind wie bei uns. Wie bei uns. Genau wie bei uns. Es könnte auch bei uns sein. Ein fundamentaler, furchteinflößender Gedanke, der uns eben bei fernen, fremden Ländern nicht kommt.

Sind wir jetzt alle rassistische Arschlöcher deshalb?! Nein, denn der Mensch könnte als Wesen nicht funktionieren, wenn es keine Barriere zum emotionalen Teil unseres Bewusstseins gäbe.
Würden wir jeden Tag um jeden Toten dieser Welt trauern, käme unser gesamtes Leben zum absoluten Stillstand. Wir litten an schwersten Depressionen und würden vermutlich bald zum Suizid greifen müssen.

Außerdem können wir unsere spontanen Emotionen nicht kontrollieren. Wenn wir etwas traurig finden, finden wir es traurig. Dagegen anzukämpfen erfordert massiven Aufwand. Wenn wir etwas aber nicht traurig finden, dann finden wir es eben nicht traurig. Mit ebenfalls massivem Aufwand könnten wir vielleicht unser empfundenes Mitgefühl steigern, aber eine erste emotionale Reaktion lässt sich nicht steuern.
Es ist also keine bösartige Gemeinheit, dass uns die einen Anschläge mehr mitnehmen, als andere – es liegt in der Natur des Menschen.

Genauso liegt es in der Natur des Menschen abzustumpfen, womit ich auf die anfängliche Beobachtung des massiven Rückgangs der öffentlichen Trauer und des öffentlichen Schocks gegenüber des Terrors zurückkomme. Wenn uns zu oft ein ähnlicher Reiz widerfährt, reagieren wir immer weniger darauf.
Bei 9/11 war der Schock monate-, jahrelang, bei Paris war die gefühlte Trauer tage- und wochenlang vorhanden – Brüssel kam zwei Tage später in der Kategorie “ferner liefen”.
Auch das ist keine Bösartigkeit des Menschen, sondern, wie auch der enge Kreis des persönlichen, emotionalen Mitgefühls, ein Selbstschutzmechanismus.

Ja, es sind uns emotional gesehen Anschläge im Nahen Osten oder in Afrika mehr egal als jene in Mitteleuropa. Nein, wir sind deshalb nicht böse oder schlecht oder rassistisch. Wir sind menschlich.
Wenn man das für sich anders sieht, ist es auch ok. Man muss auch mit keinem Anschlag mitfühlen, egal wo.

Aber auf eines, denke ich, können wir uns einigen: Egal wie man selber zu etwas steht – die Trauer eines anderen sollte man respektieren. Ihn deshalb anzugreifen oder zu attackieren ist nicht einmal mehr unterste Schublade, es ist sogar weit darunter. Rein menschlich betrachtet.

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