Die Kern-Schmelze

Bei der Pressekonferenz, wo die SPÖ zeigen wollte, wie sie in die Zukunft kommt, hat sie in Wahrheit das Ausmaß ihrer schieren Panik und Verzweiflung offenbart.
Witzig ist, dass es ja jede Menge positiver erster Reaktionen auf Kern gab. Sympathisch ist er ja. Ein netter Kerl. Hat eine House-of-Cards-Referenz eingebaut, die ich auch sehr witzig fand.
Aber wenn man ganz genau zugehört hat, ist einem etwas ganz anderes aufgefallen. Eine Analyse der sinngemäßen und zusammengefassten Kern-Aussagen von gestern. (ich lass es jetzt dann auch gut sein mit den Kern-Wortspielen, versprochen)

Christian Kern auf die Frage, wie die SPÖ in Zukunft mit der FPÖ umgehen wird:
Wir müssen einen Kriterienkatalog erstellen (…) alles genau ansehen und prüfen (…) klar ist, nicht mit Parteien, die gegen Menschen oder Minderheiten hetzen (…).
Wow. Keinen Tag im Amt und gleich wieder das klassische, so sensationell erprobte, also als Wahrwerbung für die FPÖ erprobte, strikte Ausgrenzungsprinzip der Blauen. Na bumm, ein großer Wurf.

Christian Kern auf die Frage, wie man jetzt mit der Flüchtlingskrise, dem derzeit, und wahrscheinlich auch in den nächsten Monaten und Jahren brennendsten Thema der Republik, umgehen will:
Wir bei der ÖBB haben das mit zweierlei Zugängen geregelt (…), Menschlichkeit oberstes Gebot (…) gleichzeitig gewährleisten, dass Österreicher rechtzeitig zur Arbeit kommen (ernsthaft?! Mit der ÖBB?! Na wenigstens besitzt er Selbstironie) und das Gleiche gilt auch generell: Die Menschlichkeit zu wahren ist uns natürlich ein oberstes Gebot, aber auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung der Menschen ernst zu nehmen.
Ziemlich genau original und 1:1 das selbe Wischiwaschi, das wir uns jetzt eigentlich seit Beginn der Flüchtlingskrise anhören. Konzepte müsse man da auch noch erarbeiten. Manchmal hat man das Gefühl, die SPÖ kommt direkt aus der Waldorf-Schule und bildet, wenn der Dachstuhl und der erste Stock des Hauses brennt, erst einmal einen Arbeitskreis mit Buntstiften und Ölkreide und zeichnet ihre ersten Ideen als Mandalas auf. Kern malt scheinbar brav mit.

Christian Kern auf die Frage, was die Pläne in puncto Arbeitslosigkeitskrise seien:
Ich bitte um Nachsicht, ich bereite mich auf diesen Job seit Freitag vor (…) ich will mich nicht hierherstellen und behaupten, ich könne über Wasser gehen und wüsste alles besser (…) aber das werden wir uns natürlich anschauen.
Da war für mich der erste Paukenschlag. Zugegeben, dass er sich seit Freitag darauf vorbereitet kam erst später, aber ich habe es hier dazugezogen, weil er es sinngemäß ebenfalls angedeutet hat und es hier perfekt passt.
Paukenschlag deshalb, weil in diesem Augenblick klar wurde, dass hier ein Mann steht, der durchaus sympathisch ist, der einen netten und amikalen Eindruck vermittelt, der sich bestimmt auch gut auf Wahlplakaten und Pressefotos macht, aber der in Wahrheit mit Null Konzept, Null Ahnung und Null Masterplan von heute auf morgen, ohne jegliche, ich möchte das bitte noch einmal betonen, ohne jegliche Legitimation durch einen einzigen Wähler, die Führung unseres Landes übernommen hat.
Das zeigt, in welchem absolut panischen und überstürzten Verfahren die SPÖ hier eine Entscheidung getroffen hat, um… ja, um was eigentlich?

Warum hat die SPÖ Christian Kern an ihre und die Spitze unseres Landes gesetzt? Weil er seit Jahren politisch aktiv ist und immer wieder mit genialen Konzepten oder originellen und zielorientierten Lösungsvorschlägen zu den unterschiedlichsten staatstragenden Problemen aufgefallen ist? Weil er zur Parteispitze ging und ihnen ein vorbereitetes Konzept präsentiert hat, mit dem er Österreich aus der Krise führen will?
Nein, aus derartigen oder ähnlichen Gründen nicht. Während der Pressekonferenz habe ich mir dann selbst im vollen Ernst und ohne Sarkasmus die Frage gestellt, warum die SPÖ jetzt genau diesen Mann gewählt hat, der in der gesamten Pressekonferenz keine einzig klare, lösungsorientierte Antwort geben konnte, außer als es darum ging, welche neuen Posten er besetzt hat. Ganz was Neues, man kümmert sich in der SPÖ einmal primär und zu allererst um Postenschacher. I’m shocked.
Witzigerweise gab dann Christian Kern aber selbst unabsichtlich die Antwort auf die Frage, für welche Aufgabe er eigentlich geholt wurde.

Christian Kern auf mehrere Fragen wie Parteispaltung, nocheinmal FPÖ und Gräben innerhalb der Partei:
Ich bin dazu angetreten, um die SPÖ zu einen (…) damit wir erste Kraft im Land bleiben (…) und damit wir die breite Masse ansprechen.
Zack, Paukenschlag Nummer zwei, so laut, dass mir noch immer die Ohren sausen. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.
Die SPÖ hat niemanden geholt, der das Land aus der Krise führen kann, oder der die Probleme des Landes lösen kann.
Nein, sie haben jemanden geholt, der die Probleme der Partei lösen kann. Jemanden, der dort Ansehen hat und wahrscheinlich mit allen recht gut kann und der dort in alle Richtungen positive Signale aussendet, damit man nicht als Nachfolger der Grünen in puncto innerer Zerrissen- und Zerstrittenheit in die Geschichte eingeht.
Sie haben einen Manager geholt. Einen, der ein großes Team leiten kann. Der ein Unternehmen leiten kann, das Kohle machen muss und dafür funktionieren muss. Einen Parteimanager haben sie geholt. Und sonst nichts.

Das fatale daran, abgesehen davon, dass mir das selbst nicht schneller klar war? Die SPÖ sieht all ihre Probleme offenbar als PR und Marketingproblem. Seit Tagen, Wochen und Monaten hört man von der SPÖ “Wir erreichen die Menschen scheinbar nicht mehr” oder “Wir hatten Schwierigkeiten, unsere Botschaften anzubringen” und alle möglichen und unmöglichen Aus- und Weiterformulierungen derartiger Floskeln.
Ich sage Ihnen das jetzt ganz ehrlich, aber ich war wirklich schockiert in diesem Augenblick, als mir Folgendes klar wurde:
Die SPÖ hat noch immer nicht realisiert, dass die Menschen nicht gegen ihre Botschaften protestwählen, sondern gegen ihre Arbeit.

Sie hat offenbar nicht mitbekommen oder verstanden, dass sie an den Menschen nicht vorbeiredet, sondern vorbeiarbeitet. Vorbeiagiert. Dass sie niemanden mehr mit ihrer Politik, wenn man es so nennen kann, abholen können. Dass die Bevölkerung nicht mit der Partei unzufrieden ist, sondern mit dem, was sie leistet, oder eben auch nicht zu leisten im Stande ist.
Und sie haben also jetzt einen Parteimanager geholt, der dazu antritt, um die Partei zu einen und in die Zukunft zu führen und weiterhin auf dem ersten Platz zu halten, indem die Botschaften besser an die Menschen vermittelt werden.

In der Situation, in der sich das Land und die SPÖ befindet, führt diese Entscheidung, ja, unweigerlich, zur Kern-Schmelze. (pardon)

Standard

2 thoughts on “Die Kern-Schmelze

  1. In meinen Augen hat Kern die FPÖ-Frage ziemlich richtig beantwortet. Er hats auf Sachlichkeit gebracht, und nicht auf Faymann “aus Prinzip nicht”.

    Für weitere Annäherungen müsste die SPÖ Partei-Prinzpien über Bord schmeißen. Damit wird sie unglaubwürdig (würde noch mehr Wähler und vielleicht sogar Mitglieder verlieren) und verlieren die Legitimation die sie durch die letzte NR-Wahl bekommen haben (da wir bei der NR-Wahl nur Parteien wählen).
    Also “ohne jegliche Legitimation” halt ich auch nicht für ganz richtig. Rein gesetzlich genügt es, wenn ihn die vom Wähler gewählte Partei aufstellt (so siehts unser Wahlrecht atm vor). Wenn man sich Wahlmotive anschaut, dann spielen die Persönlichkeiten selbst gerade bei SPÖ und ÖVP-Wählern keine große Rolle.
    Darum seh ich den “Wählerwillen” von SPÖ-Wählern (ohne selbst einer gewesen zu sein) nicht stark verletzt.

    Noch unglaubwürdiger wäre gewesen, wenn er jetzt wirklich konkrete Reformen angekündigt hätte ohne sie mit dem Koalitionspartner zu distkutieren, oder in Ausschüssen zu überlegen, ob diese Reformen überhaupt Sinn machen (klingt nach business as usual, ich weiß).

    Er erweckt mit seinen Aussagen durchaus den Eindruck, dass er die Sache sachlicher und kompromiss-bereiter angeht als Faymann, der eigentlich eher ein Image als Machterhalter und Sturschädel vermittelt hat.
    Ich glaub schon, dass Kern/Mitterlehner ein produktiveres Duo sein wird als es Faymann/Spindelegger war.
    Aber: er muss bald liefern. und sogar das (egal was er liefert) könnte schon zu spät sein.

    Politik hat viel mit PR zu tun. Manche Reformen/Maßnahmen sind schwer begreiflich und wirken auf den ersten Blick kontraproduktiv. Einfache Lösungen sind einfach zu verkaufen. Die Lösungen für die aktuellen Probleme (Arbeitsmarkt, Asylwesen) sind garantiert keine einfachen. Da eine gute zu finden ist schon mal ziemlich schwer. Die dann auch noch zu verkaufen, die Hölle.

    Und die ÖBB sind SEHR pünktlich (http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/4901898/OBB_963-Prozent-der-Zuge-waren-2015-punktlich) im internationalen Vergleich. Ich ärger mich auch wenn ich am Bahnhof warten muss, aber die meiste Zeit haut das hin und uns fallts nicht auf.

  2. Pingback: Kanzler Kern: Top oder Flop? | Ceiberweiber

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s