Stoppt die Terror-Berichterstattung

Soll man die Berichterstattung über den Terror aussetzen, weil jene primär der Verbreitung der Taten und damit der Ideologie der Attentäter dient? Diese Forderung wird in den letzten Tagen immer lauter. Eine Analyse.

Die Argumente, die für ein solches Berichterstattungsverbot verwendet werden, lauten einerseits dahingehend, dass das primäre Ziel des Terrorismus die Verbreitung von Angst und Schrecken ist, was nur dadurch möglich gemacht wird, dass unsere Medien ständig darüber berichten. Man spielt dem ideologischen Ziel dieser Verbrecher damit nur in die Hände.

Desweiteren erzeugt die ausführliche Berichterstattung über die Attentäter eine Art Verherrlichung unter jenen, die selbst großes Radikalisierungspotenzial in sich bergen. Sie werden dadurch motiviert und weiter radikalisiert, wenn sie den öffentlichkeitswirksamen Erfolg anderer Tätergruppen beobachten und bewundern können.

Langfristig gesehen hingegen, würde der Terror abebben, wenn die potenziellen Täter einerseits feststellen, dass niemand mehr über Terroranschläge berichtet und anderseits würde es immer weniger potenzielle Täter geben, weil sie nicht von der ständigen Berichterstattung motiviert würden und sich dadurch selbst radikalisierten.

Außerdem lässt man sich, zu guter Letzt, auch selbst dadurch verrückt machen, wenn man nur noch von derart grausamen Dingen liest und darüber spricht und schreibt. Man lässt den Terror gewinnen, wenn man sich in Angst versetzen und von seinem Schrecken das eigene Leben diktieren lässt. Wer seine Gedankenwelt auf Positives richtet und versucht sein Leben glücklich zu leben, der nimmt dem Terror seine große Macht, nämlich die Macht der Angst und des Schreckens.

Soweit alle mir bekannten Argumente der Befürworter einer solchen Mediensperre des Terrorismus. Nun zu den Gegenargumenten von meiner Seite, der ich einer solchen Idee absolut gar nichts abgewinnen kann.

Das Thema der Verbreitung des Terrors und damit seiner Botschaft der Angst. Einerseits leben wir im 21. Jahrhundert. Von den meisten Anschlägen, sowie auch von dem Amoklauf in München, sind die ersten Handyvideos im Netz aufgetaucht, bevor noch irgendein offizielles Medium die erste Schlagzeile dazu formulieren konnte. Das wird man auch nicht unterbinden können. Heutzutage würde der Umstand eines Terroranschlages nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden können.

Anderseits wird dabei vergessen, dass der IS seine ganz eigene, professionell aufbereitete und gestaltete Propagandamaschinerie betreibt und dass es primär jene Videos und Berichte sind, über die sich derartige Täterzellen selbst radikalisieren. Dort werden Täter verherrlicht, werden Menschen gezeigt, die ihre Taten bejubeln und dort werden Menschen dazu aufgefordert, es ihnen gleichzutun.

Weiters ist schwer zu hinterfragen, welchen Effekt eine solche Mediensperre auf unsere Gesellschaft hätte. Die absolute Geheimhaltung solcher Vorgänge ist in unserem digitalen Zeitalter unmöglich. Man würde also definitiv immer mitbekommen, wenn etwas passiert. Aber eben nichts Genaues. Keine genaue Gefahrenlage. Keine genaue Situationsbeschreibung. Nichts. Das könnte einerseits die Gefährdung der Bevölkerung erhöhen und würde anderseits ein Gefühl der enormen Verunsicherung erzeugen. Zu wissen, dass da etwas passiert ist, aber nicht zu wissen, was genau, oder wo, oder wie.

In weiterer Folge würde eine solche Strategie das Misstrauen in die Medien und den Staat enorm steigern. Die wissen alle etwas, was sie uns nicht sagen. Ein Gefühl, dass ohnehin schon unterschwellig vielen im Hinterkopf sitzt und Anlass vieler Verschwörungstheorien ist. Wenn es dann aber tatsächlich so ist, also tatsächlich so vereinbart, belegbar, dann öffnet das jedem weiteren Verdacht und jeder weiteren Verschwörungstheorie Tür und Tor. Ein äußerst gefährlicher Pfad für einen Staat.

Zum langfristigen Ziel einer solchen Mediensperre, den Terror abebben zu lassen, weil die Terroristen einsehen, sie kommen damit nicht durch und erzeugen nicht den gewünschten Effekt – ich bin ja ungern der Spielverderber, aber, bei allem Respekt, das ist eine der naivsten Annahmen, die ich in meinem ganzen Leben jemals gehört habe. Sich ernsthaft vorzustellen, wie radikalisierte Fundamentalisten mit verdutzter Mine vor den europäischen Medien sitzen, was sie, wie gesagt, ohnehin kaum tun, und enttäuscht feststellen “Hey, da berichtet ja gar keiner mehr über unsere Anschläge.”, woraufhin sie resignierend beschließen, wieder Tischler, Dachdecker und Floristen zu werden, weil es ja doch keinen Sinn habe, empfinde ich fast schon als geistige Verhöhnung.

Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass eine derartige Strategie für Propagandazwecke des Terrors genutzt wird, in einem Kontext a la “Seht, sie wollen uns mundtot machen! Sie wollen, dass wir nicht gehört werden! Aber nicht mit uns – jetzt erst recht, Brüder und Schwestern! Geben wir ihnen etwas, worüber sie berichten müssen! Denn wenn über einen Anschlag mit 3 Toten nicht berichtet wird, dann machen wir einen mit 30. Wenn das nicht reicht, dann mit 300.” Sie werden einen Weg finden, sich Gehör zu verschaffen und würden eine derartige europäische Strategie dazu nutzen, um ihre Anhänger und potenziellen Täter noch mehr aufzustacheln und zu befeuern.

Zudem ist die Frage, was eine Wahrnehmungssperre, auch wenn nicht durchgehend durchführbar, für eine Auswirkung auf die heimische Politik hätte. Kaum jemand würde mehr über den Terror sprechen und schreiben, weil es eben kein Thema wäre. Gerade heute ist sowas über die sozialen Medien gut mess- und abschätzbar. Die Politik arbeitet zum größten Teil populistisch. Wenn Themen in der Bevölkerung immer größer werden, versucht die Politik darauf zu reagieren.

Wenn das Thema Terror in der Bevölkerung sehr groß ist, werden schnell Entscheidungen getroffen, werden Maßnahmen und Strategien präsentiert, wird eine Philosophie und ein Zugang zu dieser Thematik propagiert.

Wenn das kein Thema mehr ist, wird das auch nicht behandelt. Es wird dann ein kleinerer Punkt an der politischen Tagesordnung sein, weil der Druck der Öffentlichkeit nicht mehr vorhanden ist. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist?

Im Generellen bleibt zu sagen, dass die Diskussion, der Austausch von Meinungen, Gedanken und Strategien die Grundlage unserer Zivilisation ist. Jede Diskussion erweitert auf eine gewisse Art und Weise den eigenen Horizont. Man lernt neue Zugänge kennen, neue Ansichten, Aspekte und Auffassungen eines Themas. Man erfährt neue Einschätzungen und kann dadurch selbst neue treffen. Zu fordern, dass diese Art der Kommunikation unterlassen, oder gar unterbunden wird, bedeutet ein aktives Abwenden von der geistigen Zivilisation der westlichen Welt.

Wer über ein vorhandenes Problem nicht spricht und auch nicht nachdenkt, der löst es nicht, der lässt es einfach nur ungehindert wuchern. Der kann dann auch nur schwer eine fundierte Meinung dazu haben und sich bei allfälligen Wahlen auch nur äußerst schwer sinnvoll entscheiden, welcher Partei er seine Stimme gibt.

Den Terror bekämpft man nicht, indem man einfach so tut, als gäbe es ihn nicht. Nein. Man muss sich darüber informieren, darüber diskutieren und in weiterer Folge fundierte politische Entscheidungen treffen, die früher oder später auf uns zukommen werden.

Wie aktiv soll sich Europa bzw. die EU in einem Krieg gegen den IS einbringen? Wie viel der persönlichen Freiheit ist man bereit aufzugeben, um den Kampf gegen den Terrorismus effizienter und schlagkräftiger zu gestalten? Welche Maßnahmen ist man bereir, im eigenen Land zu dulden, um eine gewisse Sicherheit zu gewährleisten.

Wollen Sie, dass über Wahlen oder gar Volksabstimmungen, solche politischen Strategien und Konzepte von Leuten gewählt werden, die über den Terror, seine Vorgehensweise, seinen Ursprung und seine Rekrutierungsstrategien nichts wissen, weil sie bewusst nicht darüber informiert wurden und weil sie sich selbst bewusst auch dazu entschieden haben, über derartige Dinge gar nichts lesen und nachzudenken zu wollen, sondern es lieber getrost zu ignorieren und nur an die schönen Dinge im Leben zu denken?

Ich würde das nicht wollen.

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