Burka, Vergewaltigung und syrische Kinderlieder

Einige heikle und emotional geladene Themen beschäftigen uns gerade im aktuellen Tagesgeschehen. Ein Burkaverbot soll kommen, in einer Volksschule in Salzburg wird den österreichischen Kindern vom syrischen Vater eines Mitschülers ein syrisches Kinderlied beigebracht und Frau Lohfink wird zu 20.000€ Strafe wegen falscher Verdächtigung einer Vergewaltigung verurteilt. Die Wogen gehen hoch.

Ein Skandal so kommentierte Alice Schwarzer das Urteil gegen Gina-Lisa Lohfink. Jetzt werde sich überhaupt keine Frau mehr trauen, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Echt? Ein Urteil gegen eine Person, die den Tatbestand der Vergewaltigung erfindet, ist ein Skandal? Ist nicht eher das Handeln der Lohfink der Skandal? Zur Erläuterung – der fragliche sexuelle Akt wurde teilweise gefilmt, wobei es auf dem Video laut Prozess keine Anzeichen für nicht einvernehmlichen Sex gäbe, genausowenig wie für die Einwirkung von K.O.-Tropfen. An Frau Lohfink wurden keinerlei Spuren von Gewalt festgestellt und zwei Tage später hat sie erneut Sex mit einem der beiden angeblichen Täter. Nur das Filmen wollte sie nicht so.

Ich kann mir schon vorstellen, dass man sich bei manchen Nächten im Nachhinein denkt: ‘Gott, was hab ich denn da gemacht?’ und das man sich wünscht, man hätte es nicht getan. Nur ein rückwirkendes ‘Nein, ich will das nicht!’, dass sich im eigenen Kopf entfaltet, ist keine Vergewaltigung. Das fälschliche Behaupten einer solchen allerdings eine Straftat. Eine, die, wie ich finde, hier sogar wesentlich zu wenig bestraft wurde. Wir haben schon in anderen berühmten Fällen gesehen, zu welchen persönlichen Konsequenzen so etwas führen kann. Jobverlust, Scheidung, soziale Isolation – und das alles nur, wegen einer falschen Aussage, die an einem Menschen haften bleibt, wie sein Schatten, auch wenn die Unschuld längst bewiesen ist. Neben dem, unbedingt erforderlichen, essentiellen Schutz von Vergewaltigungsopfern, braucht es auch jenen von Verleumdungsopfern – denn in beiden Fällen ist ein Leben ruiniert.

Das syrische Kinderlied in einer salzburgerischen Volksschule – das geht zu weit! Was kommt als Nächstes? Sofort Abschieben, wer sich nicht integrieren will! Lehrer und Verantwortliche sofort kündigen! Das waren ein paar der heftigen Reaktionen darauf, dass man den österreichischen Kindern einen kleinen Teil der Kultur des Neulings in der Klasse zeigen wollte. Als kleiner Willkommensgruß, aber euch um beiderseits das Fremde zu nehmen. Soweit das, was tatsächlich passiert ist.

Aber sind jetzt alle, die das aufregt, böse? Oder ist es vielleicht  einfach nur ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um solche Aktionen gerade mit jemandem aus Syrien zu setzen, weil genau jetzt die Bevölkerung äußerst sensibel ist, wenn es um Personen aus dem Nahen Osten geht, um Parallelgesellschaften, um Integrationsunwilligkeit, oder um eine Überpräsenz der arabischen Kultur?

Viele antworten darauf: Nein, gerade jetzt muss so eine Aktion her. Doch das ist meiner Meinung nach absolut falsch. Solche Aktionen kann und soll man wieder setzen, wenn sich die Lage beruhigt hat, wenn diese Panik wieder vergessen ist und ein Österreicher mit syrischen Wurzeln eine akzeptierte Normalität ist. Jetzt gießt man damit einfach nur Öl ins Feuer. Jetzt ist die Zeit, den Neuankömmlingen Deutsch beizubringn und die westliche Kultur, selbst wenn es nur darum geht, die Bevölkerung zu befrieden. Irgendwann wird es dann wieder egal sein – kleines Gedankenexperiment: Wäre vor 5 Jahren einer Volksschulklasse ein kanadisches oder thailändisches oder brasilianisches Kinderlied beigebracht worden, hätte es vermutlich keine einzige derartige Reaktion gegeben.

Burkas verbieten – unbedingt, weil das nicht Teil unserer Kultur ist! Das sind Symbole für die Unterdrückung der Frauen! Ein Bekleidungsverbot? In Österreich? Ernsthaft? Ich muss sagen, dass ich das äußerst problematisch sehe. Ja, es mag Männer geben, die ihre Frauen dazu zwingen, einen Gesichtsschleier zu tragen – aber es gibt auch genug, die das freiwillig tun. Weil es ihrem Glauben entspricht, ihrer Religion. Ob das für uns nachvollziehbar ist? Ist das nicht egal? Bei uns laufen Österreicher oft so herum, dass selbst ich mich frage, was das jetzt genau werden soll, aber das ist ihr gutes Recht. Wir leben in einem freien Land und wer so etwas tragen will, soll es dürfen.

In anderen Kulturen wird es unverständlich sein, warum bei uns Frauen dazu gezwungen werden, in absolut haltungsschädlichen und verletzungsgefährlichen Stöckelschuhen herumzulaufen und dazu im Winter gesundheitsschädigende Miniröcke zu tragen. Dazu werden sie nicht gezwungen? Das machen sie freiwillig? Achso, ich dachte nur, weil wir prinzipiell die Burka/den Niqab als aufgezwungenes Unterdrückungssymbol sehen, können wir auch diese Art der Kleidung als aufgezwungenes Erniedrigungssymbol sehen.

Aber nein, das Verbot betrifft nur den öffentlichen Dienst und den öffentlichen Raum – Dienst sehe ich ein, weil jeder Arbeitgeber mir gewisse Arbeitskleidung und Erscheinungsbild vorgeben darf. Raum? Schwierig. Wo ziehe ich da die Grenzen? Wie weit gilt das? Aber vor allem – warum?

Weil in den streng islamischen Ländern auch Miniröcke und überhaupt alles verboten ist! Aha. Und an denen wollen wir uns orientieren?! Also ich lieber nicht.

Als kleines Fazit bleibt, dass wieder einmal überall das Augenmaß, die Besonnenheit und der klare, rationale Blick auf einerseits das Wesentliche und anderseits das Große Ganze fehlt. Vielleicht konnte ich ja ein bisschen Abhilfe schaffen – und wir können uns dann alle wieder den tatsächlich akuten Krisen widmen, wie der Türkei, Syrien, dem Krieg, dem Terror, dem Brexit und der Zukunft der EU.

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